Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LUNKOW, Nikolai M.: Wien 1945. In Erinnerung eines Augenzeugen

Nikolai M. Lunkow Mit diesem Gebiet gewann die Rote Armee die Kontrolle über wichtige Verkehrs­wege, wodurch die deutsche Verbindung mit Einheiten, die in Jugoslawien gegen Partisanen eingesetzt wurden, durchbrochen war. Andererseits fuhren durch diese Gebiete Güterzüge mit Käse, Getreide, mit Fleisch und anderen landwirtschaftlichen Produkten nach Deutschland: die Rote Armee gewann die Oberhand. Der Sieg öffnete uns den Zugang zur österreichischen Grenze entlang der Raab, legte den Weg nach Wien frei und gab unserer Armee die Möglichkeit, ihre Befrei­ungsmission fortzusetzen. Die sowjetische Luftflotte wirkte aktiv mit: „Jakowlew’s“, „Iljuschin’s“, „Petljakow’s“, „Lawotschkin’s“. Die Hitlertruppen ergriffen blind die Flucht [...] in die Arme „Katjuscha’s“. Die Verluste waren hoch und kosteten beide Seiten viele Menschenleben und viel Kriegsmaterial. Am 13. Februar 1945 befreiten die Sowjets Budapest. Die sowjetische Regierung setzte hier die Sowjetische Kontrollkommission ein, mit K. E. Woroschilow an der Spitze. Eines Tages lud Woroschilow mich und vier andere Militärdiplomaten zum Essen ein und kam dabei ausführlich auf die schweren Gefechte zurück, und auf Pläne der bevorstehenden Belagerung der österreichischen Hauptstadt, die damals noch gute 200 km vor uns lag. Mit uns nahm an diesem Essen auch der Kriegsbe­richterstatter und Schriftsteller S. W. Michalkow teil. Er sorgte wie immer für Erhei­terung, trotz Grippe, die er gleich tapfer mit Pillen, Pfefferschnaps und seinen be­rühmten Witzen kurierte. Mit der österreichischen Grenze rückte auch der Frühling immer näher. Es wurde wärmer, die Obstbäume entlang der Wege zierten das ohnedies malerische Land. Es ist schwer zu beschreiben, wie sehr sich unsere Soldaten und Offiziere, vor allem die Rjasan’schen, beim Anblick der Birken freuten, die in trauter Pracht ihrer smaragd­grünen Blätter nun hier standen. Marschall Tolbuchin bearbeitete inzwischen mit seinem Stab genaue Operations­pläne zum Angriff auf Wien, der vom Südwesten her gegen Norden verlaufen sollte, um die schwer überschaubaren Wege vom Wiener Wald zu nützen. An dieser Stelle muß die Rolle der österreichischen Widerstandsbewegung ge­würdigt werden. Das Komitee wurde von einem Österreicher namens Raul Burenau geleitet, einem Juristen, der im Krieg von 1914-1918 sechsmal verwundet worden war. Zu Mitgliedern zählte u. a. der ehemalige k. u. k. Offizier Emil Oswald. Beide wurden 1938 inhaftiert und bis 1942 in den Konzentrationslagern Dachau und Bu­chenwald festgehalten. Durch ihre Mitwirkung breitete sich die Bewegung unauf­haltsam aus und wurde immer tatkräftiger, je näher die Rote Armee Österreichs Grenzen kam. Um nun mit ihr möglichst eng zusammenzuarbeiten, beschloß die Widerstandsbe­wegung zu dieser Zeit, eine Militärkampfeinheit aufzustellen, deren Führung der fürchtlose Widerstandskämpfer Mjr. Karl Szokoll übernahm. Mit ihm hatte die Be­wegung einen bestens getarnten Zugang zum Deutschen Spionagedienst. Außerdem war Mjr. Szokoll für die Ausarbeitung der deutschen Verteidigungskarten Wiens 216

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