Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LEHNER, Georg: Chinesisch für den auswärtigen Dienst: Zwei Dolmetsch-Eleven an der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing in den Jahren 1897 bis 1900
Georg Lehner Beamten verwendet werden. Im Ministerium des Äußern neigte man daher Ende 1906 dazu, im Budgetvoranschlag pro 1908 die Dotation für die beiden unbesetzten Seminaristenstellen zu streichen und dafür - analog zu den Gesandtschaften Deutschlands und Frankreichs in Beijing - zwei Dolmetschstellen zu systemisieren52. Dieser Erlaß rief jedoch beim damaligen k. u. k. Gesandten in Beijing, Eugen Ritter von Kuczynski, wenig Begeisterung hervor. Kuczynski gab zu bedenken, daß die „chinesischen“ Agenden der Gesandtschaft durchaus von einem Dolmetsch besorgt werden könnten (wenn der k. u. k. Gesandte nicht gleichzeitig als Doyen des Diplomatischen Korps zu fungieren hätte) und daß man „überhaupt nur zwei Sinologen“ im k. u. k. auswärtigen Dienst habe. Das Verhältnis zwischen diesen beiden - Erwin Ritter von Zach und Ernst Ludwig53 - war jedoch äußerst angespannt, ein Umstand, dem der Gesandte in seiner Antwort an das Ministerium Rechnung trug. Zudem trat Kuczynski für die Heranbildung von geeignetem Nachwuchs ein. Dabei ging er von der Überlegung aus, nicht Absolventen der Konsularakademie für den Dienst in China auszuwählen, da diese bereits beamtet wären. Er riet, durch öffentliche Ausschreibung Absolventen der letzten juridischen beziehungsweise staatswissenschaftHHStA, GA Peking, Karton 61, Gesandtschaft Dolmetscher Dragomandienst chinesischer (MdÄ an Kuczynski, N° 86634/2, Wien 1906 November 6). - An den meisten Gesandtschaften gab es nach britischem Muster einen „Chinese Secretary“ und einen „Assistant Chinese Secretary“ (auch an der US- Gesandtschaft unter diesen Bezeichnungen). Aus Mangel an vergleichendem Material für frühere Jahre soll der Stand der mit Dolmetsch-Agenden betrauten Beamten an den Gesandtschaften in Beijing im Folgenden nach dem Stand von Ende 1913 veranschaulicht werden. Wie auch an der österreichischungarischen Gesandtschaft gab es an der belgischen Gesandtschaft einen Dolmetscher, an der französischen Gesandtschaft füngierten neben einem damals abwesenden Ersten Dolmetscher zwei „acting“ Dolmetscher, an der deutschen und italienischen Gesandtschaft je ein Dolmetscher und ein Dolmetsch- Sekretär. An der japanischen Gesandtschaft waren damals vier Beamte mit Dolmetschagenden betraut. Rußland unterhielt an seiner Gesandtschaft zwei Dolmetscher und - wie oben erwähnt - fünf student interpreters. Vgl. dazu auch oben Anm. 6 sowie The China Year Book 1914, S. 659 und S. 663- 668. Zur Würdigung von Zachs herausragenden sinologischen Fähigkeiten vgl. Forke, Alfred: Erwin Ritter von Zach in memoriam. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 97 (1943), S. 1-15 sowie Hoffmann, Alfred: Dr. Erwin Ritter von Zach (1872-1942) in memoriam. Verzeichnis seiner Veröffentlichungen. In: Oriens Extremus 10 (1963), S. 1-60. - Im Zusammenhang mit Zachs Tätigkeit an den k. u. k. Konsularvertretungen in China fehlen in Hoffmanns Verzeichnis die beiden folgenden publizierten Jahresberichte: Tientsin (Berichte der k. u. k. österreichisch-ungarischen Konsularämter über das Jahr 1907. Bd. 3. Wien 1908, B III 2, S. 1-14), Hongkong (Berichte der k. u. k. österreichisch-ungarischen Konsularämter über das Jahr 1907. Bd 3. Wien 1908, B IV, S. 1—32)-Im Jahresbericht des Konsulates in Hongkong für 1907, S. 29 f. regte Zach an, jungen österreichischen Kaufleuten Reisestipendien zum Studium der wirtschaftlichen Verhältnisse einzelner Provinzen Chinas zu gewähren: „Bei Ausführung dieser Aufgabe ist die Kenntnis der chinesischen Sprache durchaus unnötig, ganz abgesehen davon, daß es Jahre erfordern würde, bis der eine oder andere Dialekt in der erforderlichen Vollkommenheit erlernt werden könnte; eine tüchtige kommerzielle Vorbildung, rasche Auffassung und ein offenes Auge dürfte in einem solchen Falle von weitaus größerem Nutzen sein, als das gründlichste Studium einer Sprache, in deren Beherrschung wir Europäer doch stets nur Anfänger bleiben werden“. - Zu Zachs Karriere in österreichisch-ungarischen Diensten vgl. das Jahrbuch des k.u.k. Auswärtigen Dienstes 21 (1917), S. 467,-Das Verhältnis zwischen Zach und Ludwig war einerseits durch die fachliche Überlegenheit Zachs und andererseits durch dessen regelmäßige persönliche Untergriffe und Anschuldigungen gegen Ludwig äußerst gespannt. Zu den Hintergründen dieser Auseinandersetzungen vgl. Lehner: Konsularvertretungen, S. 333- 338 und zur Person Ludwigs ebenda, S. 329 Anm. 1186. 122