Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)

LEHNER, Georg: Chinesisch für den auswärtigen Dienst: Zwei Dolmetsch-Eleven an der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing in den Jahren 1897 bis 1900

Chinesisch für den auswärtigen Dienst men. Nach einleitenden Bemerkungen zu den vor allem in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts auch von der Öffentlichkeit beachteten sinologischen Leistungen49 kam Gomperz zur Sache: ,3s ist vor mehreren Jahren bereits von Seite des Ministeriums des Auswärtigen an die Wiener philosophische Facultät die Aufforderung ergangen, zwei Professuren für ost­asiatische Sprachen und Literatur zu schaffen. Dieser Aufforderung ist nicht entsprochen worden“. Gomperz mahnte, daß es mit der Einrichtung eines Chinesisch-Kurses an der Konsularakademie nicht sein Bewenden haben dürfte und sprach die Hoffnung aus, daß die Einrichtung dieser Lehrstühle doch noch realisiert werden könnte: „Der Umstand, dass das Ministerium des Äußern den Wunsch ausgesprochen hat, zeigt doch, dass es nicht bloß spekulative Erwägungen sind, welche diese Schaffung wün­schenswert machen, sondern materielle Interessen“. In einer unmittelbaren Reaktion auf diese von Gomperz erörterte Thematik sprach sich Johann Nepomuk Graf Harrach50 entschieden gegen die Einrichtung zweier Lehrstühle für ostasiatische Literaturen aus, solange es in der Monarchie Nationa­litäten gebe, die an den Universitäten noch durch keine Lehrkanzel repräsentiert seien* 30 31. In einem Erlaß des Ministeriums des Äußern betreffend die Neuregelung des Dol­metschdienstes an der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing wurde am 6. November 1906 noch einmal die zehn Jahre zuvor erfolgte Einrichtung von „Seminaristen“ kritisch beleuchtet. Ursprünglich habe die Absicht bestanden, „absolvierten Konsular-Akademikem Gelegenheit zu geben, unter staatlicher Beihilfe an Ort und Stelle die erforderlichen Kenntnisse zu erwerben, um sodann für den Drago- manatsdienst in Ostasien, oder, bei eintretendem Bedarfe, auch für andere Diensteszwei­ge dortselbst verwendet werden“. Den Absolventen der Konsularakademie sollte so die Gelegenheit gegeben werden, ihre in Wien erworbenen „rudimentären Kenntnisse der chinesischen Sprache“ zu erweitern. In diesem Sinne wären diese Seminaristen „nicht als Arbeitskräfte der Gesandtschaft, sondern als Studierende zu betrachten gewesen“. Aufgrund der per­sonellen Knappheit im auswärtigen Dienst der Monarchie erfolgte „vielleicht abgesehen von der Zuteilung der Konsularattachés Silvestri und Natiesta, niemals eine mit dem ursprünglichen Plane im Einklänge stehende Entsendung von Ab­solventen der Konsularakademie nach Peking“. Die für die Seminaristen vorgesehene Dotation mußte statt dessen stets für die Be­zahlung der dem Gesandten außer dem systemisierten Legationssekretär zugeteilten 49 Die Öffentlichkeit war damals wohl in erster Linie durch die in Wien unternommenen Versuche zum Druck chinesischer Zeichen auf erste sinologische Studien in der Monarchie aufmerksam geworden. - Vgl. dazu Lehner, Georg: Zur Geschichte des Druckes chinesischer Zeichen in Österreich im 19. Jahrhun­dert. In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 147 (1997), S. 163-194. 30 Johann Nepomuk Graf Harrach (1828-1909), Gutsherr und Mäzen, ab 1873 Reichsratsabgeordneter, seit 1884 Mitglied des Herrenhauses. - Vgl. dazu Österreichisches Biographisches Lexikon. Bd. 2, S. 190 f. 31 Vgl. dazu Stenographische Protokolle über die Sitzungen des Herrenhauses des Reichsrates 1901-1907. 17. Session. Wien 1907, S. 483 f. und S. 486 (23. Sitzung vom 30. 5. 1902). 121

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