Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 46. (1998)
LEHNER, Georg: Chinesisch für den auswärtigen Dienst: Zwei Dolmetsch-Eleven an der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing in den Jahren 1897 bis 1900
Chinesisch für den auswärtigen Dienst Auslagen als zwischen seiner Ankunft im April 1897 und Mai 1899. Dieses Faktum führte er auch am 17. Oktober in seiner Eingabe an das Ministerium des Äußern an: „[...] hatte ich, seit Herrn Silvestri’s Abgang, ein Jahr lang für mich allein ein grosses Haus zu halten, und, abgesehen von den nothwendigsten Möbelstücken für das Empfangs- und Speisezimmer, die mir beigestellt worden sind, alle die bedeutenden Auslagen für die Einrichtung dieses meines, das heißt des sogenannten Seminaristen-Hauses und meiner Messe aus eigener Tasche zu tragen, respective Herrn Silvestri’s Anteil an früherem gemeinsamen Besitze einzulösen“30. Während Natiesta im Sommer 1900 infolge gesundheitlicher Probleme vorübergehend nach Europa zurückkehrte, wurde die Transferierung Silvestris nach Beijing durch die Vorboten der Yihetuan-Bewegung („Boxer-Aufstand“) „verhindert“. Silvestri blieb bis Ende Sommer 1900 in Shanghai. Nach der Abreise Natiestas war Rosthorn als einziger „europäischer Beamter“ an der k. u. k. Gesandtschaft geblieben. Das Anfang Juni 1900 kurz vor dem Höhepunkt der Yihetuan-Bewegung (dem sogenannten „Boxer-Aufstand“) nach Beijing entsandte k. u. k. Marinedetachement benötigte und bestaunte Rosthoms Chinesisch- Kenntnisse, die er des öfteren zur sprachlichen Vermittlung alltäglicher Dinge ein- setzen mußte: „Wenn sich solche Verlegenheiten nur ein- bis zweimal im Tage einstellen, mag es hingehen, aber das war wohl zehnmal öfter geschehen und dadurch die Zeit und Geduld des Geschäftsträgers, der Alles in einer Person vereinigte - Repräsentant einer Grossmacht, Secretär, Interpret und Rathgeber in hunderterlei kleinen Angelegenheiten des täglichen Lebens - schon ungebührlich in Anspruch genommen. Wie ganz anders standen hierin die übrigen Gesandtschaften mit ihrem zahlreichen Stabe an Beamten und Studenten da, der ihnen erlaubte, überallhin sprach-, landes- und stadtkundige Personen zu entsenden“31. Aus Winterhaiders Bemerkung zu den Sprachstudien an den anderen Gesandtschaften wird deutlich, daß die von Silvestri und Natiesta seit 1897 in Beijing betriebenen Sprachstudien zumindest zum Zeitpunkt der Niederschrift jener Zeilen in Vergessenheit geraten sein dürften: „England, Frankreich und Russland lassen bei ihren Legationen in Peking die Anwärter auf Consulats- und diplomatische Posten in China einige Jahre im Chinesischen unterrichten“32. Mit telegraphischer Weisung des Ministeriums des Äußern vom 18. August 1900 wieder der k. u. k. Gesandtschaft in Beijing zugeteilt33, kehrte Silvestri mit dem nach der Belagerung der Gesandtschaften in Beijing vorzeitig aus dem Urlaub zurückkehrenden Freiherrn von Czikann in die Hauptstadt des Chinesischen Reiches zurück. Wie Czikann am 4. November 1900 berichtete, erfolgte die Versetzung Silvestris 30 HHStA, AR Fach 4/231, Natiesta 1/9-1 (Natiesta an MdÄ, Wien 1900 Oktober 17). 31 W interhalder, Theodor Ritter von: Kämpfe in China. Eine Darstellung der Wirren und der Betheiligung von Österreich-Ungams Seemacht an ihrer Niederwerfung in den Jahren 1900-1901. Wien- Budapest 1902, S. 205. 32 Ebenda, S. 205. 33 HHStA, AR Fach 4/319, Silvestri 1/9-4 (Czikann an MdÄ, Bericht N° XV, Peking 1900 November 18). 117