Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

AGSTNER, Rudolf: Von Chandos House zum Belgrave Square. Österreichs Botschaft in London 1815–1997

bedauerte allgemein, mit Austria im Kriegszustände zu sein. Viele Österreicher, die nicht mehr Platz gefunden und Zurückbleiben mußten, fanden sich zum Lebewohl ein und unter den Klängen des ,Gott erhalte' fuhr der Zug langsam aus der Halle. Es war ein wehmüti­ger Augenblick, doch hatte man damals die Hoffnung auf einen raschen Verlauf des Krieges mit der Versicherung, daß man bald wiederkehren würde; wie anders ist es ge­kommen! Unsere Heimreise nahm 9 Tage in Anspruch, unter anderen Umständen wäre es eine herrliche Seereise gewesen, aber so bangte man um die Lieben daheim und was uns dort erwarten sollte, denn wir waren ja ohne Nachricht seit Kriegsausbruch ... Am 18. August waren wir an Bord, doch verbot der Botschafter jedwede Feierlichkeit zu Ehren des Ge­burtstages unseres geliebten Kaisers Franz Joseph I. Er wollte der englischen Marinebe­satzung nicht taktlos entgegentreten, die für uns mit großer Liebenswürdigkeit sorgte. Der Kapitän91 ließ es sich aber nicht nehmen, beim Diner Champagner auffahren zu las­sen und einen ehrenvollen Toast auf unseren Monarchen auszusprechen92, in welchem er auch sein Bedauern erklärte, daß der Krieg zwischen den béiden Nationen erklärt werden mußte; begeisterte Hochrufe waren die Antwort! Bleibt noch nachzutragen, daß die italienischen Staatsbahnen für die 590 km lange Strecke-der Ballhausplatz hätte einen Grenzübertritt bei Ala nach Tirol bevor­zugt - dem k. u. k. Ministerium des Äußern im November 1914 eine Rechnung über 15 350,25 Lire zukommen ließ. Der Salonwagen für Graf Mensdorff und die k. u. k. Diplomaten schlug mit 802 Lire, 105 Plätze 1. Klasse mit 6 483, 75, 130 Plätze 2. Klasse mit 5 330 Lire, und 6 500 kg Gepäck mit 1 339 Lire zu Buche. Zur Summe von 13 955 kam noch ein Zuschlag von 10 % für den Spezialzug93. XI. Das Botschaftspalais im Ersten Weltkrieg Während des Ersten Weltkrieges verblieb Kanzleidirektor Aurel Poppauer94 vor Ort zurück. Er wurde am 13. August 1914 der Botschaft der USA als Archivverwah­rer der österreichisch-ungarischen Botschaft zugeteilt, wo er bis 6. Juni 1916 ver­blieb, um dann im Ministerium in Wien Dienst zu versehen. Neben Poppauer, in der Korrespondenz der US-Botschaft als captain angeführt, standen 6 Englishmen and 1 Englishwoman in the employ of the Embassy. Unter diesen befanden sich die Por­tiere Hoy und Bateman, housekeeper Laura Percy Osbome und stillroom maid Sarah Cook sowie der österreichische Türsteher Johann Dichtl. Eine der ersten Maßnahmen Poppauers betraf die Beschaffüng von Papieren und Kuverts American Embassy zur Bewältigung der sehr bedeutenden Korrespon­denz“, da die vorhandenen wegen des Aufdruckes „k. u. k. Botschaft London“, Von Chandos House zum Beigrave Square. Österreichs Botschaft in London 1815-1997 91 Vermutlich S. R. M. Tyrer. 92 Siehe auch die Schilderung in Franckenstein, George: Facts and Features of my Life. London 1939, S. 161: „On August 18 - the birthday of the Emperor Francis Joseph - the captain of our ship rose at dinner and proposed the health of our monarch.“ 93 HHStA Wien, AR, Fach 6/65, London-72, Verbalnote der italienischen Botschaft Wien, ZI. 636/2429 an MdÄ vom 12. 11. 1914. 94 * Wien 29. 6. 1873, t Wien 19. 10. 1940; Hauptmann a. D., 1901 Eintritt in den diplomatischen Dienst, 2. 10. 1909 der Botschaft in London zur Dienstleistung zugeteilt. 27

Next

/
Oldalképek
Tartalom