Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

AGSTNER, Rudolf: Von Chandos House zum Belgrave Square. Österreichs Botschaft in London 1815–1997

Rudolf Agstner phierte Mensdorff: „Re?u passeports hier soir, je remets aujourd’hui l’Ambassade á T Ambassadeur des Etats Unis“86 und meldete „durch sichere Gelegenheit“, daß ich den Schutz unserer Interessen sowie unserer Staatsangehörigen am heutigen Tage der Botschaft der Vereinigten Staaten übergeben habe und mit den Herren der Botschaft von London nach Wien abreise. Ich habe es für zweckmäßig gehalten, Kanzleisekretär Poppauer zur Dienstleistung in London zurückzulassen und habe ihn den Instruktionen entsprechend beim Foreign Office als der amerikanischen Botschaft attachiert notifi­ziert81. Das letzte Telegramm vom 13. August abends betraf die Abreise: Britische Regierung stellt mir zur Abreise Schiffe zur Verfügung. Mit Schutzbefohle­nen sind wir 250 Personen. Admiralität sieht Oberfahrt nach Holland für unsicher an und übernimmt nicht Verantwortung. Es wurde mir Wahl gestellt, entweder von Edinburgh nach Bergen oder von Falmouth nach Genua zu fahren. Mit Rücksicht auf Schwierigkeit des Fortkommens über Norwegen, besonders durch Dänemark und Deutschland, habe ich mich entschlossen, Weg über Genua zu wählen, auf dem ich sicher in neun Tagen in Wien sein kann, während anderer Weg mir diese Sicherheit nicht bietet. Abreise Montag 17. August, Wien 26. August.88 Und so reisten die k. u. k. Diplomaten und ein Teil der Kolonie am 17. August auf der Aaro nach Genua ab. Die Aaro89 war 1909 bei Earl’s Company Ltd. in Hull er­baut worden und wurde von T. Wilson & Sons & Company Ltd. betrieben. Heimat­hafen war Hull. In Genua traf das Schiff am 24. August ein. Die italienischen Staatsbahnen stellten einen Sonderzug bestehend aus 1 Salonwagen, 3 Wagen 1. Klasse, 4 Wagen 2. Klasse und 2 Gepäckwagen zur Verfügung, und über Mai- land-Vicenza-Castelfranco-Treviso-Pontebba/Pontafel wurde die Heimat erreicht. Marie Gräfin Trauttmansdorff, geb. Prinzessin Auersperg90, deren Gatte Karl Graf zu Trauttmansdorff-Weinsberg von Mai 1911 bis August 1914 Legationsrat an der Londoner Botschaft war, erinnert sich an die letzten Tage: Es hieß nun packen und das schöne England eiligst verlassen. Allerdings mußten wir noch beinahe 14 Tage nach der erfolgten Kriegserklärung bleiben, denn es zeigten sich Schwierigkeiten mit der Veranstaltung unserer Reise. Mittlerweile war ein ewiges Hin und Her, wie die Abreise erfolgen sollte, schließlich wurde die Route an der portugie­sisch-spanischen Küste, über Gibraltar nach Genua, genommen. Die Wartezeit war keine angenehme; es war das Moratorium über die Botschaft verhängt, wir hatten kein Geld und konnten außer dem notwendigsten Gepäck nichts mitnehmen. Unsere gesamte Ein­richtung blieb unter dem Schutz der schwedischen Gesandtschaft zurück. Endlich wurden wir flott, ein Schiff wurde uns von der englischen Regierung, mit englischer Marinebe­satzung, zur Verfügung gestellt. Der k. u. k. Botschaft war es freigestellt, so viele öster­reichisch-ungarische Staatsbürger mitzunehmen, als Platz hatten (es waren an die 400) und wir verließen eines Abends per Extrazug London, um uns an der Südküste in Fal­mouth am folgenden Morgen einzuschiffen. Der Abschied war sehr freundschaftlich, die Spitzen des Auswärtigen Amtes waren zum Abschied am Bahnhof erschienen und man HHStA Wien, AR, Fach 6/65, London-72, Telegramm 3928 vom 13. 8. 1914. 87 Ebenda, Bericht Nr. 760-A an MdÄ vom 13. 8. 1914. 88 Ebenda, Telegramm 3800 aus London (7.52 pm). 89 Länge 301,2 Fuß, Breite 41,3 Fuß, 2603 BRT; britisches Handelsschiff; freundliche Mitteilung Dr. Peter Jung, Kriegsarchiv Wien. 90 * Wien 15. 1. 1880, t Weißenegg 6. 5. 1960. Tagebuch, Kapitel Wanderleben (1905-1920), S. 80. 26

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