Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45. (1997)

HÖDL, Sabine: Eine Suche nach jüdischen Zeugnissen in einer Zeit ohne Juden. Zur Geschichte der Juden in Niederösterreich von 1420 bis 1555

zwischen Lothringen, Österreich und der Toskana quer über alle späteren (national-) staatlichen Grenzen hinweg im Bewußtsein der drei europäischen Regionen wieder lebendig zu machen. Die Eheschließung Franz Stephans am 12. Februar 1736 bedeutete nicht nur eine Zäsur auf dynastischer Ebene, sondern auch eine Veränderung der politischen Land­karte Europas. Herzog von Lothringen wurde auf Lebenszeit Stanislaus Leszczynski, als König von Polen gescheitert, aber Schwiegervater des französischen Königs Ludwig XV. Nach dem Tod des Polen wurde Lothringen mit Frankreich vereinigt und damit ein lang gehegtes Ziel der französischen Politik erreicht. Der Lothringer Franz Stephan hingegen trat die Nachfolge einer langen Reihe von Habsburgern als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation an. „Mit ihm wurde die österreichische Dynastie im Grunde lothringisch“, so der Autor, und es begann „auch der ,Geist1, mit größerer Kraft von Lothringen nach Wien zu ,wehen1, die französische Aufklärung“. Im politischen Bereich hatten zwischen den beiden Ländern Jahrhunderte hin­durch wechselvolle, oft sehr enge Beziehungen bestanden, geprägt durch die lange, wenn auch sehr lose Zugehörigkeit Lothringens zum Heiligen Römischen Reich. Das wichtigste - zugleich letzte - Ereignis auf der Linie Nancy-Wien stellte zweifellos die Übernahme der kaiserlichen Würde durch einen Lothringer dar. Nach seiner Einverleibung durch Frankreich wurden die politischen Interessen Lothringens aus­schließlich von Paris wahrgenommen. Die Verbindung Nancy-Wien beschränkte sich auf das Kulturelle. Dafür öffneten bzw. verstärkten sich die „historischen“ Drei­ecksseiten Wien-Florenz und Nancy-Florenz. Franz Stephan wurde von seinem Schwiegervater, Kaiser Karl VI., mit der Toskana belehnt (24. März 1737). Sein Sohn Pietro Leopoldo, der spätere Kaiser Leopold II., begründete in Florenz eine habsburgisch-lothringische Sekundogenitur. Ihm folgten ein Enkel und ein Urenkel Franz Stephans, wodurch Florenz und Wien mit einer kurzen Unterbrechung 122 Jahre auf das engste verbunden blieben (1737-1859). Die Achse Nancy-Florenz wurde vor allem durch die Ideen der französisch- lothringischen Aufklärung gefestigt, in deren Gefolge der Großherzog eine Reihe hochqualifizierter Lothringer in die Toskana berief. War man sich in Lothringen und in der Toskana noch im 18. Jahrhundert der politischen und kulturellen Gemein­samkeiten bewußt, so geriet vieles schon während der entscheidenden Jahrzehnte zwischen 1789 und 1815 bis herauf zu den beiden Weltkriegen in Vergessenheit. Erst in jüngster Zeit begann die historische Forschung, sich dieser verbindenden Vergangenheit anzunehmen und aufzuzeigen, wie sehr die beiden Regionen einan­der befruchtet hatten. Ähnliches gilt für die Toskana und Österreich. Auch hier wur­de auf die enge Zusammenarbeit lange „vergessen“. Seit etwa dreißig Jahren scheint es jedoch zu gelingen, die einstigen Querverbindungen wieder in Erinnerung zu rufen und die wechselwirksamen Verdienste um die politischen und kulturellen Entwicklungen zwischen Florenz und Wien entsprechend darzulegen. Der dritten regionalen Linie Nancy-Wien bzw. Wien-Nancy gelten diesmal die so­liden Ausführungen des Autors, an deren Beginn er darauf hinweist, daß sich die Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 45/1997 - Rezensionen 306

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