Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

BENL, Rudolf: Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 im Spiegel eines zeitgenössischen Briefes

Rudolf Beni Befehl Turennes, sondern 18 Jahre nach dessen Tode, 1693, auf Befehl des fran­zösischen Marschalls de Lorge sowie des französischen Kommandanten der Festung Philippsburg, Bordes, zerstört worden ist27 - von der anderen Neckar­seite, vom nördlichen Ufer aus. Am selben Tage hat auch die von Dittenberger zu einer rührenden Szene gestaltete, von unserem Briefschreiber wohl sehr viel wirklichkeitsnaher geschilderte Begegnung des Kaisers Franz mit dem Stein­hauer auf dem Königstuhl stattgefunden. Der Brief faßt sich hier etwas knapp, so daß die Dittenbergersche Darstellung im Auszuge hier eingerückt sei. Es ist reizvoll, die Grundzüge der beiden Darstellungen miteinander zu vergleichen28: Am vierzehnten Juni begab sich der Kaiser zu Pferde auf den Berg - und betrachtete mit Wohlgefal­len die Aussicht in die graue Feme, so weit das Auge nur reicht. Er schenkte Seine Aufmerksamkeit dem [... ] sehr schön und zweckmäßig neubepflanzten freien Platz, und den [! ] [... ] vier Fuß hohen und zwei Fuß breiten Stein mit der Aufschrift: KOENIGSTUHL renovirt den 18. October MDCCCXIV. Einige Schritte davon arbeitete ein Steinhauer an einem ähnlich aufgerichteten zwei­ten Stein, auf welchem die Inschrift stand: KAISERSTUHL VON FRANZ I. DEN IUNIUS MDCCCXV. um den noch allein fehlenden Monatstag durch die Zahl XIV. einzuhauen. Der Kaiser fragte ihn: „was er da mache?“ Er antwortete ganz treuherzig: Ihro Majestät dem Kaiser diesen Stein auszufertigen, und den Datum zu unterzeichnen! Worauf der Kaiser den Stein lächelnd besä­he, den Mann nach der Gegend von Landau und nach dem Weg auf den Kohlhof fragte, und seine demüthig angebotene Begleitung, um ihn nicht an dieser Arbeit zu hindern, sehr gnädig beim Ab­schied untersagte! Gleich darauf brachte Jemand vom Gefolge dem armen Manne lunf und zwanzig Dukaten, die ihm zu hohem Preisen auszuwechseln von allen Seiten angeboten wurde, weil sie vom Kaiser kamen! - Das Entzücken seiner sieben unerzogenen armen Kinder bei seiner Heimkunft, und die Thräne im Auge seiner sprachlosen Frau hat der Engel in seine kristallene Schale gesammelt - der die von Millionen dem Kaiser geflossenen Freudenthränen auf Erden sammelt - bis zum Tage der Garben! Der Brief spiegelt - um die Einzelheiten zu einem Bild zusammenzufassen - offenbar recht genau, wenngleich in frischeren Farben als Kaysers Aufzeichnun­gen oder gar Dittenbergers Buch die allgemeine Hochstimmung wider, welche die Deutschen, nicht allein die Heidelberger, in den Jahren 1814 und 1815 erfaßt hatte. Was hier mit jugendlicher Unbekümmertheit erzählt wird, erscheint in den bedächtigen Tagebuchaufzeichnungen Karl Philipp Kaysers wie im Spiegel einer gereiften Persönlichkeit, im Überschwang von Dittenbergers Buch dagegen als Ausdruck eines sich von den eigenen Gefühlen überwältigt Gebenden oder tatsächlich Überwältigten. Als ein rührender Zug mag erscheinen, daß in allen Vgl. Vetter: Heidelberga deleta, S. 26-39. Zu Turennes Feldzug von 1674/1675 am Oberrhein siehe Speyer: Die Herausforderung des französischen Marschalls Turenne, S. 636-642; Rau­mer: Die Herausforderung Turennes, S. 138-147. Dittenberger: Die Kaiser in Heidelberg, S. 109-111. Die Hervorhebungen im Text sind aus dem Buch übernommen. Der Schuhmachermeister Eckert schreibt - in einem Abstand von einem halben Jahrhundert - über das Geschehnis: „Ein Steinhauergeselle von hier erfuhr, daß der Kaißer Franz den Königstuhlberg besteigen wolle; er machte sich sogleich auf, suchte einen Stein, meiselte ihn glatt und schrieb den Namen ein Franz II und den Datum dazu; der Kaiser, als er ihn erblickte, fragte ihn, was er hier mache; er antwortete: Ew. Majestät Hiersein, Namen einzuschreiben und den Datum zu unterzeichnen. Der Kaiser lächelte und ließ durch seinen Zahlmeister dem Steinhauer 6 Ducaten geben.“ (Aus dem Tagebuch des Johann Joseph Eckert, S. 57). Zu dem Namen „Kaiserstuhl“ siehe auch D e r w e i n, Herbert: Die Flurnamen von Heidelberg. Stra- ßen/Plätze/Feld/Wald. Eine Stadtgeschichte. Heidelberg 1940 (Veröffentlichungen der Heidelber­ger Gesellschaft zur Pflege der Heimatkunde 1), S. 169 f. 82

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