Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
BENL, Rudolf: Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 im Spiegel eines zeitgenössischen Briefes
Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 König Friedrich von Württemberg21, obwohl all diese Persönlichkeiten in seiner Darstellung Vorkommen. Der auch in dem Briefe günstig beurteilte spätere König Wilhelm I. ist für Dittenberger der „tapfere Kronprinz von Wirtemberg, der Held vom Neckarstrom“, sein Vater „der unermüdete energische Beherrscher, eines durch alle Stände hochherzigen und ächt deutschen Volkes“. Die Ehe Wilhelms mit Charlotte von Bayern war am 31. August 1814 „annuliert“ worden, was die Mißstimmung des künftigen Bayernkönigs, des Bruders von Charlotte, gegen den dereinstigen König von Württemberg auf einen Höhepunkt hatte anschwellen lassen22. Daß der am 7. Juni in Heidelberg eingetroffene österreichische Kronprinz Erzherzog Ferdinand bei Dittenberger ein überschwängliches Lob erfährt - er ist dort ein ,,edelmüthige[r] Prinz, welcher sehr deutsche Gesinnungen hegen und das ausländische Wesen durchaus, wie wir hörten, nicht bei sich dulden soll“ braucht nicht zu erstaunen, daß aber offenbar auch der zum Lästern so aufgelegte Schreiber des Briefes die geistige Zurückgebliebenheit des zukünftigen Kaisers von Österreich nicht bemerkt haben sollte, wenngleich er körperliche Schwäche und unreifes Aussehen feststellt, nimmt wunder23. Der angebliche Ausspruch des jungen Erzherzogs, den der Schreiber des Briefes wiedergibt, scheint nur hier überliefert zu sein24. Irrtümlich nennt der Briefschreiber einen der beiden anwesenden sächsischen Prinzen Ferdinand; 1815 in Heidelberg zugegen war außer dem auch in dem Brief erwähnten Prinzen Clemens dessen Bruder Friedrich August, späterer König25 26. Am Abend des 14. Juni ließ der badische Großherzog Karl eine Schloßbeleuchtung veranstaltenDie beiden Kaiser betrachteten die von künstlich entfachten inneren Feuern erhellte und durch Tausende von Lampen beleuchtete Ruine des Schlosses - das entgegen der Meinung des Briefschreibers nicht auf Diese Karikatur ist sowohl dem Württembergischen Landesmuseum als auch der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart unbekannt (freundliche Auskunft des Landesmuseums vom 10. Juli 1990). Zu der Ehescheidung und zu der gegenseitigem Abneigung zwischen Ludwig und Wilhelm siehe Grauer: Wilhelm I., S. 108; Sauer: Der schwäbische Zar, S. 444—448; Gollwitzer: Ludwig I. von Bayern, S. 176, 246. Zu Kaiser Ferdinand siehe das in Anm 1. genannte Schrifttum sowie Mikoletzky, Harms Leo: Bild und Gegenbild Kaiser Ferdinands I. von Österreich. Ein Versuch. In: Archiv für österreichische Geschichte 125 (1966), S. 173-195, und zuletzt Mikoletzky, Lorenz: Ferdinand I. In: Die Kaiser der Neuzeit 1519-1918. Heiliges Römisches Reich, Österreich, Deutschland, hrsg. von Anton Schindling und Walter Ziegler. München 1990, S. 329-339. 24 Nach freundlicher Auskunft von Herrn Dr. Lorenz Mikoletzky (Wien) vom 20. April 1990. Dittenberger: Die Kaiser in Heidelberg. S. 92 f.; Vgl. dazu zuletzt Vetter, Roland: Heidel- berga deleta. Heidelbergs zweite Zerstörung im Orléansschen Krieg und die französische Kampagne von 1693. Heidelberg 2. Aufl. 1990 (Schriftenreihe des Stadtarchivs Heidelberg 1), S. 26-39. Zu Turennes Feldzug von 1674/1675 am Oberrhein siehe S p e y e r, C.: Die Herausforderung des französischen Marschalls Turenne durch den Kurfürsten Carl Ludwig von der Pfalz zum Zweikampf 1674. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 79 (1927), S. 636-642; dazu Raumer, Kurt von: Die Herausforderung Turennes durch Karl Ludwig von der Pfalz. In: Zeitschrift des Vereins für die Geschichte des Oberrheins 80 (1928), S. 138—147. 26 Vgl. Becker, Albert: Die ersten Heidelberger Schloßbeleuchtungen. 1807-1815-1830. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 89 (1937), S. 135-141, bes. S. 138-140. 81