Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
BENL, Rudolf: Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 im Spiegel eines zeitgenössischen Briefes
Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 Balkon seines Wohngebäudes, des Zyllenhardtischen Hauses, aus abnahm. Am 5. Juni erfolgte zunächst die Ankunft des badischen Großherzogs Karl, dann fuhr zur Mittagszeit Kaiser Franz von Österreich, vom Neckartale kommend, in die Stadt ein; er nahm in der vormaligen Landschreiberei, dem nunmehrigen Gebäude des Großherzoglichen Landamts, am Karlsplatz, Wohnung. Am Abend gegen 9 Uhr traf Kaiser Alexander I. von Rußland ein und bezog das „Loosische Haus“. (Alexander äußerte jedoch schon in den ersten Tagen seines Verweilens den Wunsch, in ruhiger Lage am Stadtrande zu wohnen, und bewohnte von da ab ein einem Engländer gehörendes, am Karlstore gelegenes Landhaus.) Am Abend desselben 5. Juni war ab 10 Uhr zu Ehren der beiden Kaiser die ganze Stadt durch Tausende von Kerzen erleuchtet; durchscheinende Inschriftentafeln verherrlichten die hohen Gäste. Am anderen Morgen um 7 Uhr begab sich der gesamte Lehrkörper der Universität zu Kaiser Franz und erwies diesem seine Ehrerbietung. In gleicher Weise stellte sich der Lehrkörper danach dem Zaren und dem Großherzog vor. Am Abend huldigten die Studenten den drei Monarchen mit einem Fackelzug. Am 10. Juni fand in Heidelberg eine Konferenz militärischer Bevollmächtigter der Verbündeten statt1S; von dieser erfuhren die schlichten Einwohner sicherlich ebensowenig wie von den übrigen hinter dem Vorhang sich abspiclenden politischen und militärischen Geschäften. Am 14. Juni veranstaltete Großherzog Karl für seine Gäste eine Schloßbeleuchtung, am 18. Juni fand in dem Widderschen Saal, einem Tanzsaal, in Anwesenheit Alexanders ein russischer Gottesdienst statt, dem beizuwohnen „mehrere Personen, beiderlei Geschlechts, aus gebildeten Ständen, die besondere Vergünstigung“ erhielten16. Am 21. Juni traf in Heidelberg die Nachricht von dem am 18. des Monats bei Waterloo errungenen Siege ein, was erneut eine lebhafte, freudige Bewegung in der Bevölkerung auslöste. Am 23. Juni brach Schwarzenberg von Heidelberg auf und begab sich nach Mannheim, am 24. verließ Kaiser Franz, am 25. Kaiser Alexander die Stadt. Der Alltag kehrte zurück, wenngleich die Truppendurchzüge vorerst nicht aufhörten17. Schon vor dem Einzug der beiden Kaiser hatten die Heidelberger zwei andere Persönlichkeiten, die kaum weniger berühmt waren, zu Gesicht bekommen: den Feldmarschall Fürst Wrede und den Feldmarschall Fürst Schwarzenberg. Erste - rer stand in besonderer Verbindung zu Heidelberg, was der Schreiber des Briefes Neubauer: Alexander I., S. 166. Es geht aus den Quellen nicht eindeutig hervor, ob der Gottesdienst am 18. Juni der während der Tage des Hauptquartiers der einzige russische Gottesdienst gewesen ist. Die entsprechende Stelle in dem Briefe scheint anzudeuten, daß mehr als einmal Gottesdienst im Widderschen Saal (Marstallstraße) gefeiert worden sei. Offenbar war derjenige am 18. Juni der einzige, zu dem Einheimische zugelassen wurden. Siehe die ins einzelne gehende Aufzählung in Universitäts- und Addreß- Calender,S. 40-42. Der Schuhmachermeister Eckert schreibt in seinem „Tagebuch“ - es waren eher Erinnerungen: „Als nun das Hoflager von uns wieder abzog, dachten die meisten Einwohner, wenn es nur 1 Jahr gedauert hätte.“ (Aus dem Tagebuch des Johann Joseph Eckert, S. 57.) 79