Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

BENL, Rudolf: Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 im Spiegel eines zeitgenössischen Briefes

Das Heidelberger Monarchentreffen von 1815 fachen Volkes als eine auch nur im geringsten belangvolle Quelle sind die ent­sprechenden Stellen in den Erinnerungen des Heidelberger Schuhmachermei­sters Johann Joseph Eckert* 6. Im Stadtarchiv Heidelberg wird unter der Signatur Urk. Nr. 401 ein Schrift­stück verwahrt, das in unmittelbarem zeitlichem Zusammenhang mit den Er­eignissen des Hauptquartiers entstanden ist7 und allein aus diesem Grunde einen hohen Quellenwert besitzt. Seine Aussagen rücken manches von den über­schwänglichen und schönenden Ausführungen des Pfarrers Dittenberger zu­recht. Es handelt sich bei diesem Schriftstück um den Brief eines Unbekannten an einen gewissen Hagemann, der offensichtlich in Holstein lebte. In kleinen, sehr säuberlichen Schriftzügen hat der Schreiber fast drei Seiten gefüllt. Gegen Ende der dritten Seite bricht er mitten in einer Zeile ab. Gruß und Unterschrift fehlen. Die vierte und letzte Seite ist völlig unbeschrieben. Weshalb der Schrei­ber darauf verzichtet hat, den Brief zu Ende zu führen und abzusenden, ist nicht zu ermitteln. Bevor im folgenden näher auf den Inhalt eingegangen wird, soll versucht wer­den zu klären, wer den Brief verfaßt hat. Sein Schreiber war 1815 Student in Heidelberg; er hatte sich nicht lange vor dem Juni 1815 an der Universität Hei­delberg eingeschrieben. Beides geht aus dem Briefe eindeutig hervor. Er stammte offenbar aus Schleswig-Holstein, wahrscheinlich aus Holstein. Nun waren im Juni 1815 Johann Philipp Ernst Esmarch (der spätere Schwiegervater Theodor Storms) und Hans Hansen aus Glückstadt die einzigen an der Universi­tät Heidelberg eingeschriebenen in Frage kommenden Holsteiner8. Daß Esmarch der Schreiber des Briefes nicht war, erhellt aus folgender Beobachtung und Überlegung: Bei dem Fackelzug, der am 6. Juni 1815 dem Kaiser Franz zu Eh­ren abgehalten worden ist, gehörte Esmarch nach Aussage Dittenbergers zu den vier Sprechern, die vom Kaiser selbst empfangen wurden9; aus der Schilderung Direktor am Heidelberger Gymnasium. Zu Kayser siehe Kurfürst-Friedrich- Gymnasium Heidelberg: Goldenes Buch der Lehrer, 1. Halbbd. 1808-1931; sowie D r ü 11, Dagmar: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803-1932. Berlin-Heidelberg-New York-Tokyo 1986, S. 132. 6 Aus dem Tagebuch des Johann Joseph Eckert. In: Neues Archiv für die Geschichte Heidelbergs und der rheinischen Pfalz 10 (1912), S. 51-64, hier S. 55-57. 7 Der Brief ist vom 19. Juni 1815 datiert. Der Schreiber muß daran aber mindestens noch am darauf­folgenden Tage geschrieben haben, denn er berichtet vom Besuch des Königs von Württemberg in Heidelberg, der am 20. Juni stattfand (vgl. Sauer: Der schwäbische Zar 410), ja noch vom Aufbruch des Hauptquartiers, der am 23. Juni erfolgte. 8 Das ergibt eine Durchsicht der Matrikel der Universität. Vgl. Die Matrikel der Uni­versität Heidelberg.5. Teil, bearbeitet von Toepke, Gustav, hrsg. von Paul Hintzelmann. Heidelberg 1904, S. 95-109: Immatrikulationen vom 13. Oktober 1814 bis zum 5. August 1815. Auf Seite 100 findet man unter der Nr. 193: Hans Hansen aus Glückstadt, Holstein, Beruf des Va­ters: Hauptpastor, Oldesloe, Jura, von der Universität Kiel kommend; unter Nr. 194: Joh. Philip Emst Esmarch aus Holtenau, Schleswig, Beruf des Vaters: Justizrat und Zollverwalter, Rendsburg (Holstein), Jura, von der Universität Kiel kommend. Beide sind am 31. Oktober 1814 eingeschrieben worden. 9 Dittenberger: Kaiser in Heidelberg, S. 67 f. 77

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