Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Jürgen Angelow lichkeit, bei Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten die Einheit von politischer und militärischer Willensbildung durchzusetzen. Diese Einheit konnte bei der staatsrechtlichen Konstruktion des Reiches nur Kaiser Wil­helm II. - der auf diesem Gebiet ein Dilettant war - herstellen. Damit kam es zu Informationsverlusten bei der Abstimmung von politischen und militärischen Entscheidungen. Erst recht war es unmöglich, daß der Reichstag konkrete Aus­künfte über Operationspläne oder militärische Absprachen erhielt157. Außenpo­litische Debatten - wie 1908/09 oder 1912/13 - wurden dementsprechend ohne Kenntnis sicherheitspolitischer Details geführt, worauf bereits hingewiesen wur­de. In Österreich-Ungarn besaß der Generalstabschef kein Immediatrecht. Dort gelang es der politischen Führung in der Regel, ihren Willen gegen frondierende Militärs durchzusetzen. Beispielsweise führte die Kontroverse zwi­schen Außenminister Aehrenthal und Generalstabschef Conrad um den Kurs der Habsburgermonarchie gegenüber Italien am 3. Dezember 1911 zur zeitweiligen Entlassung Conrads. Die Tatsache, daß von beiden verbündeten Generalstäben während der Planungsarbeit und darüber hinaus permanent politische Entschei­dungen getroffen wurden, über die die parlamentarischen Gremien nicht unter­richtet waren, spricht für die geringen demokratischen Mitwirkungs- und Kon- trollmöglichkeiten der Parlamente in beiden Monarchien. Dies hatte verheerende Folgen für die Außen- und Sicherheitspolitik. Da beide Generalstäbe von außerordentlich verschiedenen strategischen Grundvorstellungen ausgingen, kam es zur konträren Deutung wichtiger Abma­chungen und somit zu weiteren gravierenden Informationsverlusten auf militäri­schem Gebiet. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang vor allem die Unter­redung zwischen Conrad und dem Chef der operativen Gruppe des deutschen Generalstabs, Generalmajor Georg Graf von Waldersee, am 24. Januar 1913 in Wien, die von beiden Seiten später völlig konträr gedeutet wurde158. Gordon A. Craig staunte zu Recht über die geringe Kenntnis beider Generalstabsplanungen voneinander: „It is difficult to study the campaigns of 1914 without being im­pressed by the incompleteness of Austro-German planning for their joint mili­tary venture and the dearth of their knowledge about each other“159. Die Kom­munikationsprobleme der militärischen Planungsgremien beider Monarchien wurden durch die mangelnde gegenseitige Kritik noch verstärkt. Kritische Re­flexionen des Bündnisses und der verschiedenen strategischen Grundvorausset­zungen in ihm wurden unterdrückt oder blieben weitgehend intern. Erst nach Kriegsausbruch meldeten sich Kritiker zu Wort, die jedoch nicht die Effizienz gemeinsamer Strukturen bemängelten, sondern meist die Probleme des Bünd­Otto: Schließen und der Generalstab, S. 53 f. 158 Seyfert: Die militärischen Beziehungen und Vereinbarungen, S. 64-68. 159 Craig, Gordon A.: The World War I Alliance of the Central Powers in Retrospect. The Military Cohesion of the Alliance. In: The Journal of Modem History. Vol. 37 (1965), p. 336-344, hier p. 339; Turner: The Significance of the Schlieffen Plan, p. 215. 72

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