Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

nispartners. Diese Tendenz setzte sich übrigens erst recht nach dem Krieg in gegenseitigen - nun aber öffentlichen - Schuldzuweisungen fort. In den letzten Jahren vor Kriegsausbruch trafen sich die beiden Generalstabs­chefs am Rande der Herbstmanöver, bei der Einweihung des Völkerschlacht­denkmals 1912 und zum letztenmal in Karlsbad im Mai 1914. Gerade die letz­ten Kontakte zeigten, wie fatalistisch und realitätsfern, aber - auf deutscher Seite - auch rassistisch und sozialdarwinistisch in den Generalstäben gedacht wurde. Mit der Durchsetzung rassistischen Gedankengutes in der militärischen Elite des Deutschen Kaiserreiches war klar, daß beide Partner in einen möglichen Krieg auch noch mit divergierenden weltanschaulichen Positionen treten würden. Im bereits oben zitierten Brief vom 10. Februar 1913 sah Moltke d. J. im kommen­den Krieg einen Kampf des Germanentums gegen das Slawentum: „Sich hierauf vorzubereiten, ist Pflicht aller Staaten, die Bannerträger germanischer Geistes­kultur sind“160. Conrad trat dem in seinem Brief vom 15. Februar 1913 entge­gen, indem er hervorhob, daß sich bei einem Rassenkampf die in Österreich- Ungarn lebenden Slawen - immerhin 47 Prozent der Bevölkerung - kaum „für den Kampf gegen ihre Stammesgenossen begeistern“ würden. Auch wäre es fraglich, ob bei einer Polarisierung nach rassischen Kriterien die Disziplin der k. u. k. Armee aufrechterhalten werden könne161. Bereits am 24. Januar 1913 hatte Conrad auf die Formulierung Waldersees, in Deutschland sei man sich darüber im klaren, daß ein zukünftiger Krieg „der Kampf des Germanentums gegen das Slawentum“ sei, zurechtweisend geantwortet: „Hundert Millionen Slawen können Sie nicht erschlagen“162. Derartige Gedanken drückten nicht mehr allein eine genuine Mentalität der militärischen Kaste vor 1914 aus, die von Elitebewußtsein gegenüber dem zivilen Stand geprägt war. Dazu kamen im deutschen Generalstab Vorurteile gegenüber anderen Völkern und Rassen, die nicht ohne Einfluß auf die militärische Planung blieben, indem sie zu Selbst­überschätzung und Arroganz gegenüber den Ententemächten führten. Soziald- arwinistische Ressentiments waren geeignet, die nationale Komponente stärker als integrierenden Faktor in den Bündnisbeziehungen zur Wirkung zu bringen. Moltke d. J. brachte diese Einstellung gegenüber Conrad auf den Punkt163: Solange Österreich und Deutschland Schulter an Schulter stehen, jeder bereit, in dem Ergehen des anderen das tua res agitur zu erkennen, werden wir stark genug sein, jeden Ring zu sprengen. An dem mitteleuropäischen Block kann sich mancher die Zähne ausbeißen. Der durch den Generalstabsvertrag von 1909 offensiv ausgeweitete casus foe­deris et belli, die pseudoparlamentarische Legitimation und öffentliche Aufwer­tung des Zweibundes bedeuteten dessen innere Deformation zu einem Offensiv­block. Dieser politischen Steigerung folgten auf militärischem Gebiet jedoch Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung 160 Zit. nach Conrad: Aus meiner Dienstzeit. Bd. 3, S. 146 f. 161 Ebenda, S. 149 f. Zit. nach V e r o s t a : Theorie und Realität von Bündnissen, S. 426 f. 163 Helmuth von Moltke d. J. an Franz Freiherr Conrad von Hötzendorf. Berlin, 14. September 1909. Zit. nach Conrad: Aus meiner Dienstzeit. Bd. 1, S. 165. 73

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