Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

Jürgen Angelow Bei Kriegsausbruch hatte sich gezeigt, daß die politischen Prioritäten beider Zweibundpartner keineswegs übereinstimmten. Für Berlin bildete der Lokal­konflikt auf dem Balkan - dessen Deeskalation durch die deutsche Reichsleitung verhindert worden war - lediglich den Katalysator für die gewünschte große Verwicklung. So verwandelte sich Ende Juli 1914 die Rückendeckung des deut­schen Bündnispartners für den „kleinen Balkankrieg“ Österreich-Ungarns Ende Juli 1914 unversehens in die deutsche Forderung nach Rückendeckung für den „großen Präventivkrieg“. Wien hingegen blieb aus innenpolitischen Gründen auf den serbischen Gegner fixiert. Als politisch denkender Generalstabschef war Conrad durch die Erwartung eines schnellen Erfolges gegen Serbien, der doch bereits bei einem serbischen Rückzug ins Landesinnere keine Realisierung­schance besaß, so geblendet, daß er darüber alle Vorsicht vergaß - zumal er gegen Rußland keine großen Erfolge für möglich hielt. Erst als Moltke d. J. seine Zusage einer Offensive in Ostpreußen zurücknahm, zwang er Conrad, Ressourcen für die vom deutschen Partner gesetzten Prioritäten freizumachen. Unter diesen Voraussetzungen beorderte Conrad die „B-Staffel“ zur Unterstüt­zung der k. u. k. Verbände nach Galizien. Winston Churchill kommentierte sarkastisch, daß die „B-Staffel“ Potiorek verließ, bevor sie ihm einen Sieg gegen die Serben erringen konnte, und rechtzeitig zu Conrad zurückkehrte, um an seiner Niederlage teilzuhaben144. Die mangelhafte Abstimmung der militärischen Eröffnungszüge beider Zwei­bundpartner zu Beginn des Ersten Weltkrieges folgte geradezu zwangsläufig aus den unzureichenden Kommunikationen zwischen den beiden verbündeten Gene­ralstäben vor Kriegsbeginn. Dieses Defizit rührte aus der wachsenden Perspek- tivlosigkeit der Militärplanungcn in beiden Monarchien - ein Manko, das beide Generalstäbe wechselseitig durch die Instrumentalisierung des Zweibundpart­ners zur eigenen Rückendeckung zu kompensieren suchten. Am Ende der Ära Beck-Schlieffen waren die militärischen Kontakte zwischen den verbündeten Generalstäben fast auf Null reduziert, jedoch nicht vollständig abgebrochen worden. Erst im Zuge der bosnischen Krise kam es ab Januar 1909 zu einer vollständigen Erneuerung der operativen Erörterungen zwischen den neuen Generalstabschefs Moltke d. J. und Conrad bzw. zeitweilig (vom 2. De­zember 1911 bis zum 10. Dezember 1912) Blasius Schemua in Form eines Briefwechsels, dessen technische Details zu einem großen Teil bereits in den Erinnerungen Conrads veröffentlicht sind145. Weitere Einzelheiten der Verhand­lungen und Absprachen finden sich in einer älteren Arbeit Gerhard Seyferts146, * S Churchill, Winston: The Unknown War. New York 1931, hier zitiert nach Stone: Moltke and Conrad, p. 242. Conrad [von Hötzendorf, Franz Frhr.:] Aus meiner Dienstzeit 1906-1918. Bd. 2. 3. Wien- Leipzig-München 1922. S e y f e r t: Die militärischen Beziehungen und Vereinbarungen, S. 46-75. 68

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