Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

bei Gerhard Ritter147 * und bei Norman Stone14S. Eine grundlegende Neuorientie­rung der Strategie, die dem eigenen Kräftepotential angepaßt gewesen wäre, erfolgte jedoch vor 1914 nicht. Der sogenannte Generalstabsvertrag von 1909 war keine öffentlich-förmliche Militärkonvention. Da er offensiven Zielen dien­te, wurde er geheimgehalten und war infolge dessen nur einem kleinen Kreis Eingeweihter bekannt. Während die Militärberatungen des französischen, engli­schen und belgischen Generalstabs in aller Öffentlichkeit stattfanden, trugen die wechselseitigen Besuche von deutschen und österreichisch-ungarischen Gene­ralstabsoffizieren einen nahezu konspirativen Charakter149. Bei diesen Gelegen­heiten wurden die operativen Planungen gegenseitig lediglich in Umrissen mit­geteilt. Sie waren nicht Gegenstand einer internen, dringend notwendigen Dis­kussion oder Kritik, wie sie bis zu Beginn der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts zumindest in Ansätzen noch stattgefunden hatte. Eine Kritik hätte nach 1909 unweigerlich zu der Einsicht geführt, daß beide Zweibundpartner nur noch ge­ringe Chancen besaßen, einen kommenden Krieg für sich zu entscheiden. Der Verlust überzeugender operativer Lösungen hätte wiederum veränderte politi­sche Ziele und Alternativen nahe legen müssen, die geeignet gewesen wären, innen- und außenpolitische Konfliktpotentiale friedich abzubauen. Eine solche Einsicht hätte den Wert des in der bosnischen Krise politisch gesteigerten Zwei­bundes deutlich relativiert. Da die politische Führung beider Monarchien jedoch am Kurs der defensiven Modernisierung nach innen und der Machtsteigerung bzw. der Prestigepolitik nach außen starr festhielt, gab es zum Bündnis keine Alternativen, hatte niemand ein Interesse daran, kritische Einsichten zu fördern. Die für die Zeit von 1909 bis 1914 charakteristische Art und Weise der mili­tärischen Kontakte war nur ein Reflex des Realitätsverlustes innerhalb der mili­tärischen Elite beider Monarchien. In der geübten Form waren die Kontakte ein deutliches Zeichen der Schwäche des Bündnisses, auch wenn nach außen die Fassade gewahrt blieb und das persönliche Verhältnis der beiden Generalstabs­chefs sogar als angenehm zu bezeichnen ist. Zwar hatte sich infolge der bilatera­len Absprachen der politische Bündniszweck 1909 gesteigert, auf militärisch­operativem Gebiet ging das Bündnis indes nicht über den bisherigen unbefriedi­genden Zustand der bloßen Weitergabe und Akzeptanz gegenseitiger Informati­on hinaus. Begrenzte Eingriffe erfolgten lediglich in ganz untergeordneten technischen Fragen. So kam es beispielsweise Anfang Mai 1914 - knapp vor der Karlsbader Begegnung zwischen Moltke d. J. und Conrad - zum Abschluß eines technischen Geheimabkommens durch beide Generalstäbe, das die gegenseitige Rückbeförderung von Wehrpflichtigen im Mobilisierungsfalle vorsah150. Auch Der Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung Ritter, Gerhard: Die Zusammenarbeit der Generalstäbe Deutschlands und Österreich-Ungams vor dem Ersten Weltkrieg. In: Zur Geschichte und Problematik der Demokratie. Festgabe für Hans Herzfeld, hrsg. von Wühlern Berges und Carl Hinrichs. Berlin 1958, S. 523-549, hier S. 537-549. Stone: Moltke and Conrad, p. 222-251. V e r o s t a : Theorie und Realität von Bündnissen, S. 354. Ebenda, S. 463. 69

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