Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Jürgen Angelow wurde der Zweibund in Krisensituationen, wie der bosnischen Krise 1908/09 und der Balkankrise 1912/13 Gegenstand parlamentarischer Debatten. Von parlamentarischer Kontrolle konnte jedoch nicht die Rede sein, denn die Parlamente hielten an einem Bild vom Zweibund fest, das nicht mehr der Realität entsprach, da die gefährliche aggressive Wendung nicht oder nur teilweise zur Kenntnis gelangte. Deshalb kann man nur von einer pseudoparlamentarischen Legitimation des Zweibundes vor 1914 sprechen. Ausdruck des Festhaltens am Bündnis war die Debatte des deutschen Reichstages am 29. März 1909 '7, in der Reichskanzler Bernhard von Bülow die „Nibelungentreue“ zu Österreich- Ungarn beschwor und auch andere Diskussionsredner markige Worte benutzten: In Österreich-Ungarn einen starken Bundesgenossen zu besitzen, „der mit uns Schulter an Schulter unbesiegbar ist, selbst wenn die ganze Welt gegen uns in Waffen steht“, glaubte Liebermann von Sonnenburg, der für die wirtschaftliche Vereinigung sprach, während der polnische Rittergutsbesitzer Dr. Witold von Skarzynski mit Österreich-Ungarn „durch dick und dünn gehen“ wollte. Auch während der Balkankrise 1912/13 wurde von allen Parteien im deutschen Reichstag, außer der Sozialdemokratie, ein klares Bekenntnis zum Zweibund abgelegt, wenngleich die Motive dafür unterschiedlich waren. In der Debatte des Reichstages vom 2. und 3. Dezember 191218 bekräftigte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg die deutsche Bündnistreue, da diese „zur Wahrung unserer eigenen Stellung in Europa, zur Verteidigung der Sicherheit und Zukunft unseres eigenen Landes“ notwendig sei. Dr. Peter Spahn vom katholischen Zentrum legte bei seiner Argumentation eine sehr weite Interpretation des Bündnisfalles zugrunde, die vom sozialdemokratischen Abgeordneten Dr. Eduard David scharf attackiert wurde. Der konservative Abgeordnete Hans Graf von Kanitz erklärte zwar, daß Deutschland „einen Bundesgenossen, für den wir keinen Ersatz finden würden, unmöglich im Stich lassen“ dürfe, wies jedoch gleichzeitig „willenlose Trabantendienste“ der Habsburgermonarchie gegenüber zurück. Damit plädierte von Kanitz für die Beibehaltung der traditionellen Struktur des Zweibundes, die durch das politische Übergewicht des Deutschen Reiches im Bündnis gekennzeichnet war. Auf der Grundlage einer euphorischen Beurteilung der wirtschaftlichen Entwicklung in Kleinasicn und den daran geknüpften deutschen Investitions- und Gewinnchancen setzte sich der nationalli- beralc Abgeordnete Ernst Bassermann für eine „Politik der Bundestreue und Kriegsentschlossenheit“ ein. Die eindeutige und energische Stellungnahme für Österreich-Ungarn lag seiner Meinung nach im deutschen Interesse. Auch der Abgeordnete Friedrich von Payer von der Fortschrittlichen Volkspartei betrachtete es als eine wichtige Aufgabe der Regierung, „ihre Bündmstreuc den Ver- 17 17 Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages. 12. Legislaturperiode. 1. Session 1907/09, Bd. 236. Berlin 1909, S. 7799-7803. Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Deutschen Reichstages. 13. Legislaturperiode. 1. Session 1912/14, Bd. 286. Berlin 1913, S. 2471-2495 (75. Sitzung), 2499- 2538 (76. Sitzung). 32