Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
hatte. Durch die Reeuropäisierung der Großmächtcpolitik9 und das Scheitern der deutschen Annäherungsbemühungen an Rußland unter Reichskanzler Bernhard von Bülow 1904/0510, die Isolierung des Reiches auf der Algeciraskonferenz 1906 und die Entstehung der Tripelallianz wurde Berlin schließlich auf den einzigen zuverlässigen Bündnispartner verwiesen, den es noch hatte - auf Österreich-Ungarn. Die Donaumonarchie dagegen sah sich spätestens im Frühjahr 1908 vor die Erkenntnis gestellt, daß ein weiteres Zusammengehen mit Rußland in Balkanangelegenheiten - wie es das Abkommen von Mürzsteg am 2. Oktober 1903 vorgesehen hatte - unmöglich geworden war11. Eine aktive Balkanpolitik konnte daher - wie der k. u. k. Außenminister Aloys Lexa Freiherr von Aehrenthal instinktiv erfaßte - nur noch unter Einbeziehung von Konfliktvarianten gegenüber St. Petersburg realisiert werden. Auch England schied aus der Reihe möglicher Allianzpartner aus, da es mit Rußland in der mazedonischen Reformfrage und dem österreichisch-ungarischen Sandschakbahnprojekt gemeinsame Sache machte. Dadurch gewann das Bündnis mit dem Deutschen Reich als Rückendeckung gegen Rußland eine gesteigerte Bedeutung. Aus der zunehmenden Isolation beider Reiche resultierten Einkreisungsperzeptionen. Diese verbanden sich einerseits mit dem Drang, den Machtbereich des Zweibundes zu konsolidieren und gegenüber der Entente abzugrenzen, andererseits mit dem Versuch, die Entente in europäischen Krisensituationen auseinander zu manövrieren. Ein Junktim zwischen der von Bülow aus der dramatischen Isolierung des Deutschen Reiches abgeleiteten Notwendigkeit einer Rückwendung zur Kontinentalpolitik und einer möglichen Veränderung des Bündniszwecks bestand hingegen nicht. Zwar erfuhr der Zweibund nach 1906 eine zunächst stille, später laute Aufwertung, die Gründe für eine Veränderung der Bündnisziele sind hingegen vielgestaltig und keineswegs allein aus den äußeren Interaktionen der europäischen Staaten zu erklären. Im Innern beider Monarchien hingen sie mit der defensiven, am konservativen Ziel festhaltenden Modernisierung zusammen, dem aus ihr entspringenden innenpolitischen Problemstau, der durch eine äußere Prestigepolitik sowie die soziale Korrumpierung und Differenzierung innenpolitischer Gegner aufgefangen werden sollte. In diesem Zusammenhang ist auch auf das zunehmende Gewicht wirtschaftsräumlicher Interessen im gesamtpolitischen Kalkül zu verweisen - insbesondere auf die von den verantwortlichen Politikern abgeleitete Notwendigkeit einer expansiven, auf Mittel- und Südosteuropa gerichteten Wirtschaftsraumsicherung. Diese folgte nicht allein der Notwendigkeit, ExportchanDer Zweibund zwischen politischer Aufwertung und militärischer Abwertung 9 Hillgruber, Andreas: Deutschlands Rolle in der Vorgeschichte der beiden Weltkriege. 2. Aufl. Göttingen 1979, S. 23 f. 10 Vgl. W i n z e n : Bernhard Fürst von Bülow, S. 44-46. 11 Vgl. Bridge, Francis Roy: Österreich (-Ungarn) unter den Großmächten. In: Die Habsburgermonarchie im System der internationalen Beziehungen, hrsg. von Adam Wandruszka und Peter Ur- banitsch. Wien 1989 (Die Habsburgermonarchie 1848-1918. Bd. 6/1) S. 196-373, hier S. 309-314. 29