Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen
Jürgen Angelow cen zu wahren sowie mit den Mitteln einer friedlichen Durchdringung und ungleichgewichtiger Handelsbeziehungen wirtschaftlich unterentwickelte Gebiete zu beherrschen. Sie korrespondierte darüber hinaus zunehmend mit außenwirtschaftlichem Autarkiedenken, das vor allem seit 1906 kriegswirtschaftlichen Überlegungen untergeordnet wurde. In Konsequenz dessen kam es - dies müßte noch näher untersucht werden - im Deutschen Reich wahrscheinlich bereits vor 1908/09 zu einer latenten Funktionsänderung des Zweibundes, der von Politikern und Militärs, Parlamentariern sowie wirtschaftlichen und nationalen Interessenverbänden sowohl als Mittel der machtpolitischen Absicherung eines als lebenswichtig angesehenen Wirtschaftsraumes und seiner Verkehrsverbindungen wie als Basis zur Erobemng einer hegemóniáién Stellung der Deutschen in Mitteleuropa angesehen wurde n. Ungeachtet dieser Argumente darf die innere Festigkeit des 1908/09 deformierten Zweibundes bis zum Kriegsausbruch 1914 nicht überschätzt werden, bestanden doch ernstzunehmende Desintegrationszendenzen fort, die vor allem der imperialistischen Außenhandelskonkurrenz beider Partner auf dem Balkan geschuldet waren. Ob das Bündnis - diese kontrafaktische Überlegung sei gestattet - auch durch eine alternative Innenpolitik im Sinne einer forcierten Modernisierung - der Erringung einer modernen Staatsbürgergesellschaft in Deutschland bzw. einer modernen Föderation der Donauvölker in Österreich-Ungarn - bis 1914 funktional hätte umgedeutet werden können, bleibt angesichts der geringen Realisierungschancen dieser Alternativen infolge des Beharrungswillens der herrschenden Elite dahingestellt. In Österreich-Ungarn äußerte zwar Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand im Februar 1913 unter dem Eindruck einer Studie von Heinrich Lammasch die Auffassung, den Slawen „eine angenehme, gerechte und gute Existenz“ schaffen zu wollen und formulierte für die Zukunft - nach dem Regiemngswechsel - das Credo: „Kraftvolle Ordnung im Innern und für uns Frieden nach außen“. Indes, die Habsburgermonarchie wurde nicht von Franz Ferdinand sondern von Franz Joseph I. regiert. Und ob der Thronfolger nach einem Regiemngswechsel die Kraft zur Verwirklichung eines weitgehenden Reformprogramms gehabt hätte, ist angesichts seiner zentralistischen Staatsauffassung und dem zu erwartenden Widerstand der alten Eliten, die seine Stütze bildeten, mehr als fraglich. Deshalb handelt es sich bei der Frage um eine Spekulation, ob der Zweibund eine innere Reformpolitik nach außen hätte defensiv absichern können, um damit wieder zu seiner ursprünglichen Zielstellung zurückzukehren. Ähnliche Gedanken einer defensiven Umdeutung des Bündnisses hatte der deutsche Botschafter in London, Karl Max Fürst von * 20 12 Vgl. Angelow, Jürgen: Interessenidentität und Mächtekonkurrenz im Zweibund. Wirtschaftsräumliche, handelspolitische und militärstrategische Ziele im ,Mitteleuropa‘-Konzept zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In: Der ,Zweibund“ 1879. Das deutsch-österreichisch-ungarische Bündnis und die europäische Diplomatie. Historikergespräch Österreich-Bundesrepublik Deutschland 1994, hrsg. vom Rumpler, Helmut - Niederkom, Jan Paul (erscheint voraussichtlich im Dezember 1996 im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien). 30