Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

STRIMITZER, Birgit: Der k. k. Staatsrat Friedrich Freiherr Binder von Krieglstein, Freund und Sekretarius des Staatskanzlers Kaunitz. Ein Beitrag zur Klientelpolitik der maria-theresianischen Epoche

Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44/1996 - Rezensionen Viele der während der NS-Zeit beliebt und prominent gewordenen Film-, Bühnen- und Musikkünstler blieben es auch in den Jahren und Jahrzehnten danach. Manche von ihnen erwiesen sich in ihren Lebenserinnerungen als sehr vergeßlich. Das nationalsozialistische Regime benützte und mißbrauchte seit 1933 den „deutschen Hochkulturmythos“ sowohl zur innen- und außenpoliti­schen Propaganda als auch zur Durchsetzung seiner Kriegspolitik und Völker­vernichtung, was aber einem Großteil der „normalen“ Menschen - und darüber sieht der Autor verallgemeinernd und egalisierend hinweg - tatsächlich erst im nachhinein bewußt wurde. Auch die scheinbar unpolitische Unterhaltungs­branche wirkte in diesem Sinne kriegsverlängernd und hatte eine eminent wich­tige Herrschaftsfunktion zu erfüllen. In diesem Zusammenhang werden „Einzelschicksale“ im dritten Großkapitel „Politbiographische Skizzen von Künstlereliten zwischen der Nähe zu NS- Machtträgern und Rechtfertigungsstrategien nach 1945“ ebenso erläutert wie Kollektivwirkung von „Kulturtempeln“ des Deutschen Reichs in Musik und Theater („Nationale Kulturinstitutionen nach 1933 bzw. 1938 ... nur für die Kunst gewirkt?“). Der Rolle der „österreichischen Kultur“ im NS-Propagandaapparat aus „Berliner Sicht“ und der ambivalenten Kulturpolitik der „ostmärkischen“ Hauptstadt Wien unter Baldur von Schirach wird unter anderem im ersten Kapi­tel „Künstler zwischen nationalsozialistischer Propaganda und institutioneilen Zwängen“ gedacht. Die Fiktion, daß man „damals“ nur Theater gespielt, Filme gedreht oder klas­sische Musik aufgeführt hat, ist angesichts der Brutalität des Regimes subjektiv nur schwer oder kaum nachvollziehbar, auch wenn es sich um vergötterte Stars wie Clemens Krauss, Karl Böhm, Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan, Rosa Albach-Retty, Raoul Aslan, Maria Eis, Attila und Paul Hörbiger, Paula Wessely, Marika Rökk, Emil Jannings oder Werner Krauß handelte. Natürlich kann man heute nicht rückwirkend fordern, daß alle demokratisch gesinnten Kulturschaffenden emigrieren oder in den aktiven Widerstand hätten gehen müssen, sowie „politischer Verantwortung“ generell weder strafrechtliche noch aktuelle moralische Vorhaltungen impliziert werden dürfen. Der analyti­sche Maßstab ergibt sich aus dem Grad der politischen Anpassung, wobei zwi­schen Opportunismus um des Überlebens willen und jenem „echten“ Opportu­nismus zur optimalen Nutzung karrierefördernder Kontakte zu differenzieren ist. Dem Verfasser ist bewußt, daß seine Darstellung in mehrfacher Hinsicht anstößig und unbequem ist, weil sie gerade mit diesen subjektiven Empfindungen nicht in Einklang zu bringen ist. Aber der Vorteil der ,Nachgcborenen‘ liegt nicht in erster Linie in der ,Gnade der späten Geburt1, sondern in der Möglichkeit, die engen Perspektiven und Erlebniswelten jener Zeit zu erweitern und den Ge­samtzusammenhang sowie interne Entscheidungsfindung auf höchster politischer Ebene zu berück­sichtigen. Es geht keineswegs darum, die Denkweise von Künstlern beispielsweise im Jahr 1940 zu 396

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