Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

ANGELOW, Jürgen: Der Zweibund zwischen politischer Auf- und militärischer Abwertung (1909-1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen

DER ZWEIBUND ZWISCHEN POLITISCHER AUF- UND MILITÄRISCHER ABWERTUNG (1909 - 1914). Zum Konflikt von Ziel, Mittel und Struktur in Militärbündnissen VON JÜRGEN ANGELOW Militärische Bündnisse werden zur Erreichung sicherheitspolitischer Zielstel­lungen abgeschlossen. Sie können sowohl einen defensiven als auch einen of­fensiven Charakter tragen und dienen damit entweder der Verteidigung des eigenen und verbündeten Staatsgebietes im Falle drohender Aggression von Seiten Dritter und dem Schutz gemeinsamer Interessen oder aber der gemeinsa­men Vorbereitung und Führung eines Krieges gegen Dritte. Diese Bündnisziele werden in Bündnisverträgen und -absprachen formuliert und kommen insbeson­dere in den Bestimmungen des „casus foederis et belli“ zum Ausdruck. Sie kön­nen sich im Laufe der Zeit in Abhängigkeit von innergesellschaftlichen und innenpolitischen Faktoren, aber auch von außenpolitischen Konstellationen verändern und wirken als gewichtiges Element einer außen- und sicherheitspo­litischen Gesamtsituation gleichzeitig auf diese zurück. Zur Realisierung der Bündnisziele sind Militärbündnisse in der Lage, be­stimmte Potentiale und Ressourcen zu mobilisieren - sowohl auf politischem, militärischem, wirtschaftlichem, aber auch auf weltanschaulich-ideellem Gebiet. Diese Potentiale und Ressourcen stellen das Mittel dar, über die ein Bündnis zur Erreichung seiner Ziele verfügt. Darüber hinaus ist jedes Bündnis durch eine genuine Struktur gekennzeichnet, die die Verteilung der militärischen Lasten der Bündnispartner, Fragen der sicherheitspolitischen Mitbestimmung und Strategieauslegung beinhaltet. Nicht nur die Ziele eines Bündnisses, auch seine Mittel und seine Struktur unterliegen der Veränderung. Da Ziele, Mittel und Struktur jedoch in Korrelation zueinander stehen, wirkt sich die Veränderung der einen auf die Qualität der anderen unmittelbar aus. Bei einem gravierenden Auseinanderfallen beider besteht sogar die Möglichkeit eines Konfliktes, der die Effizienz des Militärbündnisses entscheidend stören oder in Frage stellen kann. Nachdem die unlängst geöffneten Akten der Kriegsgeschichtlichen Forschungs­anstalt des Heeres1 neue Akzentsetzungen bei der Interpretation des Zweibundes - der 1879 abgeschlossenen deutsch-österreichisch-ungarischen Allianz - erlau­ben, soll im folgenden eben skizzierter Konflikt anhand der Entwicklung dieses Die Potsdamer Akten (Bundesarchiv-Militärisches Zwischenarchiv), aus denen hier zitiert wird, sind inzwischen in das Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg i. Br. verbracht worden. 25

Next

/
Oldalképek
Tartalom