Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

KOWALSKÁ, Eva: Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger

Eva Kowalská Da Felbiger schon zu Lebzeiten Maria Theresias den Rang des Propstes von Preßburg (22. Jänner 1779) innehatte, verließ er Wien in kein ihm unbekanntes Milieu. Er hatte die Hauptstadt Ungarns ein Jahr nach seiner Ankunft in Wien, vom 3. bis 8. April 1775 besucht. Er hatte einen direkten Anteil an der Formung der Volksschulkommission bei dem Ungarischen Königlichen Statthalterrat und an der Eröffnung der ersten Normalschule Ungarns in Preßburg am 30. Juni 17754. Die ungarische Öffentlichkeit war jedoch über seine Aktivitäten bereits informiert worden, und zwar durch Johann Roka, den Propagator seines Werkes, den Felbiger für das Amt des Normalschuldirektors protegierte. Er arbeitete auch eng mit dem Inspektor für Volksschulwesen in Ungarn, Gáspár Pál ab Ehrenfels, zusammen, der vor allem die Versorgung Ungarns mit Lehrbüchern vermittelte5. Mit der Annahme der Ratio educationis (1777), die in dem Teil über die Volksschulen Felbigers Volksschulmodell direkt kopierte6, verlagerte sich jedoch die Initiative mehr auf die ungarischen Verwaltungsorgane, und Felbigers unmittelbarer Einfluß aus dieser Periode ist nicht belegt. Eine Wende trat ein, als sich ein kleiner Fortschritt bei der Einführung der „reformierten“ Schulen bemerkbar machte, die es nach zwei Jahren seit der Einführung der Ratio educationis nur in einigen größeren Städten zu errichten gelungen war. Offenbar deswegen begann man nach „neuen Leuten“ zu suchen, die fähig wä­ren, vor allem das System der Lehrerbildung, der Herausgabe von Lehrbüchern in Gang zu bringen, den Inhalt des Unterrichts an die Verhältnisse in Ungarn anzupassen und die Magistrate der Städte und die Stadtobrigkeiten dazu zu bewegen, die Verantwortung für den Schulbetrieb zu übernehmen. Mit dieser Aufgabe betraute die Monarchin einen ihrer Vertrauensleute, den Piaristen Fer­dinand Kigler7, der seine Erfahrungen mit der Leitung einer Normalschule in Wien zunächst im Rahmen des Waisenhauses in Senec (Wartberg) erproben sollte und, wie aus den zugänglichen Quellen hervorgeht, auch Johann Ignaz von Felbiger selbst. 4 Kowalská, Eva: Johann Ignaz von Felbiger and the Hungarian Monarchy. In: Studia historica slovaca 19(1995), S. 80 f. 5 Die mit dem Bücherimport verbundenen Probleme zwangen die Studienhofkommission, sich schon am 3. Juni 1775 mit Felbigers Vorschlag zu befassen, nämlich auch den Privatdruckereien, und zwar auch außerhalb der österreichen Länder, Privilegien für den Lehrbuchdruck zu erteilen. Allgemeines Verwaltungsarchiv Wien [in Hinkunft: AVA Wien], Studienhofkommission [in Hinkunft: SIIK], 24 Schulbücher, Kart. 109 Niederösterreich, Fase. 86a, II—III., fol. 11-13. Dieses Modell wurde auch tatsächlich realisiert - in Ungam erhielt ein solches Privileg zuerst Katarina Länderer in Buda, später Johann Michal Länderer und Augustin Franz Patzko in Preßburg. 1779 ging das Privileg auf den Lehrbuchdruck definitiv auf die Universitätsdruckerei über. Dazu Kowalská, Eva: Ucebnice pre státne l’udové skoly na Slovensku koncom 18. storocia. [Lehrbücher für staatliche Volkschulen in der Slowakei am Ende des 18. Jahrhunderts]. Kniha 1990, S. 65 und 69. 6 Es ist wahrscheinlich, daß der Initiator seiner Akzeptanz in „Ratio educationis“ Adam Franz Kollár war, der schon am 26. Juli 1774 zugunsten der Errichtung von Normalschulen in Ungam auf Kosten der zu großen Anzahl der Gymnasien argumentierte. Vgl. Protokoll SIIK vom 30. Juli 1774. AVA Wien, SHK, 34 Ungarische und Siebenbürgische Studienangelegenheiten, Karton 134, fol. 7 und 19. 7 Über Ferdinand Kigler siehe K u n i t s c h , Michael: Biographien merkwürdiger Männer Öster­reichs. Bd. 3. Graz 1805, S. 46-75. 146

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