Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)
KOWALSKÁ, Eva: Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger
Dokumente aus dem Nachlaß von Johann Ignaz von Felbiger Seine Wirkungsstätte Preßburg dürfte Felbiger an der Wende der 1770er und 1780er Jahre entschieden nicht als „Verbannung“ empfunden haben. Sein Sitz im Propstpalais war ihm zufolge zwar verwahrlost und bedurfte aufwendiger Reparaturen8, aber auf der anderen Seite war er mit einem hohen Gehalt auf Lebzeiten (6000 Goldstücke im Jahr) und einer reichen Präbende, gebunden an den Probstrang, versorgt. Vorläufig hielt er sich noch mehr in Wien auf, was er mit der Notwendigkeit, Arbeiten im Zusammenhang mit der Herausgabe seiner Lehrbücher fertigstellen zu müssen, begründete. Daher bestätigte ihm Joseph II. noch am 20. April 1781 den Bezug des festgesetzten Gehalts. Im Juli 1781 endeten aber offensichtlich Felbigers Wiener Aktivitäten9, obwohl er noch an dem Projekt zur Verbesserung der Finanzierung des Volksschulwesens arbeitete. Auch wenn er sich noch nicht ständig in Preßburg aufhielt, rechnete der Monarch offenbar bereits nicht mehr mit ihm in den österreichischen Ländern. Zu diesem Zeitpunkt beschloß er nämlich die Kürzung (nicht Aufhebung) des festgelegten Gehalts, und Anfang Dezember betraute er ihn mit der Aufgabe, das Schulsystem in Ungarn zu organisieren. Mit der Umsiedlung nach Preßburg begann in Felbigers Leben eine neue Etappe, die sich aber trotz des vielversprechenden Anfangs in keiner günstigen Richtung entwickelte. Felbiger hatte die nicht leichte Aufgabe, an den Beratungen mit den ungarischen Protestanten über Möglichkeiten und Bedingungen für die Annahme der Grundsätze (de facto seiner) Schulreform an nichtkatholischen Schulen teilzunehmen. Das Toleranzpatent stärkte jedoch die Stellung der Protestanten in Ungarn und bot ihnen den gesetzlichen Rahmen für die Argumentation zugunsten der Schulautonomie, die buchstäblich zu einem unantastbaren Symbol wurde. Die Beratungen der gemeinsamen gemischten Kommission vom März 1782 betreffend der Anpassung der evangelischen Schulen an die staatlichen im Bereich des Inhalts des Unterrichts, der Lehrbücher, der Methodik und der Verwaltung scheiterten schon nach den ersten Begegnungen10 11. Die Vertreter der Protestanten A. B. hatten schon vorher umfangreiche Materialien vorbereitet, in denen sie die vorgelegten Pläne in Frage stellten, und in Zusammenarbeit mit den Protestanten H. B. erreichten sie eine einjährige Unterbrechung der Verhandlungen". 8 Siehe Anhang Nr. 5, im Original fol. 11. 9 Angaben zur Periode April 1782 - Februar 1782 nach dem Protokoll der SHK vom 19. März 1782. AVA Wien, SHK 1775-1791, Karton. 133, ZI. 211 ex 1782, fol. 891 f. 10 Genauer Kowalská, Eva: Skolská otázka v Uhorsku v dobé vydania toleranéného patentu (K formovaniu politickych postojov uhorskych evanjelikov a.v.) [Die Schulfrage in Ungarn in der Zeit der Herausgabe des Toleranzpatents (Zur Formierung der politischen Haltungen der ungarischen Protestanten A.B.)]. Studie im Druck für die Zeitschrift Bohemia. 11 Kowalská, Eva: Kontroverzná tolerancia: protestanti a skolské reformy osvietenského obdobia [Kontroverse Toleranz: Protestanten und Schulreformen der Aufklärung], In: Historické Studie 34 (1992), S. 57 f. 147