Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

HEILINGSETZER, Georg: Die österreichische Diplomatie im Jahre 1806. Die Grafen Stadion, Starhemberg und Metternich in ihrer Stellung zum Ende des Alten Reiches

Die österreichische Diplomatie im Jahre 1806 der Umgebung des Zaren, ging dann zu Kaiser Franz und wurde nach den ersten militärischen Mißerfolgen schon mit Unterhandlungen mit den Franzosen beauf­tragt, stand Napoleon und Talleyrand gegenüber, die mit ihm viel Mühe hatten. Nach der Entfernung Cobenzls wurde er der wichtigste Mann in der Umgebung des Kaisers. Nicht er schloß nach der Katastrophe von Austerlitz den Frieden mit Frankreich, aber er wurde fast am selben Tag, vor allem auf Anregung des Erzherzogs Carl, neuer Außenminister und Leiter der Staatskanzlei. In einem Brief an seinen Kollegen Starhemberg in London schilderte er ungeschminkt die Situation und versicherte gleichzeitig, daß es keine andere Lösung gegeben hät­te. Er verglich den Zustand Österreichs mit einem angeschlagenen Boxer, der ein Auge, einen Teil des Kiefers und andere wesentliche Körperteile verloren hatte. Inständig bat er Starhemberg alles in seiner Macht stehende zu unterneh­men, daß die Engländer entsprechend ihren Verpflichtungen Subsidiengelder überweisen würden. Damit könne er sich als Retter der Monarchie erweisen10. Dies zog sich allerdings noch einige Monate hin und wurde erst in den Som­mermonaten dahingehend entschieden, daß sich England bereiterklärte, eine Abfindungszahlung von 500.000 Pfund Sterling zu bezahlen, womit man sich in der Habsburgermonarchie wohl oder übel zufrieden geben mußte. Allerdings reichte diese Summe doch aus, um fast drei Viertel der an Frankreich zu zahlen­den Kriegsentschädigung abzudecken11. Es ist bemerkenswert, daß Stadion der Innenpolitik größte Bedeutung beige­messen hat, weit über jenes Ausmaß hinaus, wie dies seine Vorgänger getan hatten. Er hat expressis verbis erklärt, daß die „innere Lage die Grundlage für die Aktivität des Außenministers darstellen“ müsse und ihr feste Grenzen set­ze12. Aber zu bedeutenderen und wirksamen Veränderungen in diesem Bereich ist es unter seiner Ministerschaft nicht gekommen. Auch muß hier stets die Rolle und Persönlichkeit des Kaisers Franz mit ins Kalkül gezogen werden, der auch anderen Personen seiner Umgebung Gehör schenkte, wohl vom josephinischen Staat geprägt war, dessen Dynamik ihm aber fremd geblieben ist. Immerhin wurden aber einige personelle Entscheidungen getroffen, wie etwa die Konzen­tration der militärischen Befugnisse in der Hand des Erzherzogs Carl, der eben­so wie viele seiner Brüder weitgehende Reformvorstellungen hatte. Ebenso schwebte Stadion eine Politisierung der österreichischen Aristokratie im Sinne von mehr Identifikation mit dem seit 1804 bestehenden österreichischen Kaiser­staat vor, wofür es immerhin einige Ansätze gab. Thürheim, A. Graf: Ludwig Fürst Starhemberg. Ehemaliger k. k. a. o. Gesandter an den Höfen in Haag, London und Turin etc. Eine Lebensskizze. Graz 1889, S. 154 f. (undatiert, Ende Dezember 1805). 11 Ober die Wichtigkeit der Gelder unterrichtete Stadion Starhemberg in einem Privatbrief vom 30. Mai 1806 (OÖLA Linz, Starhemberg-Archiv (Bestand Riedegg), Sch. 37). Das Ganze vollzog sich so­wohl von englischer als auch von österreichischer Seite unter größter Geheimhaltung (vgl. Oer: Friede von Preßburg, S. 227). 12 Rössler: Graf Johann Philipp Stadion, Bd. 1, S. 227. 127

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