Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

HEILINGSETZER, Georg: Die österreichische Diplomatie im Jahre 1806. Die Grafen Stadion, Starhemberg und Metternich in ihrer Stellung zum Ende des Alten Reiches

Georg Heilingsetzer Daher schienen in der wichtigsten Frage der Außenpolitik, nämlich im Ver­hältnis zur Macht des napoleonischen Frankreich, nach den Vorstellungen Sta­dions nur zwei Möglichkeiten denkbar: entweder ein enges Bündnis und Freundschaft mit Frankreich oder zurückhaltendes, passives Verhalten gegen­über der führenden Kontinentalmacht und peinlich genaue Einhaltung der Be­stimmungen des Preßburger Friedensvertrages, um nur ja keinen Anlaß zu Miß­helligkeiten mit unabsehbaren Folgen zu geben13 14. Denn die militärische Überle­genheit Frankreichs wurde noch unterstrichen durch die Tatsache, daß Truppen­teile in Süddeutschland standen und die Festung Braunau ebenfalls noch in der Hand der französischen Armee war. Stadion entschied sich nach eigenen Worten zunächst für das weniger schwierige, erste System, wobei die äußere Unabhän­gigkeit jedoch gewahrt werden mußte, um die eigenen Kräfte wieder zu regene­rieren. Bald jedoch erfüllten ihn die Konsequenzen, die sich aus einer politi­schen Annäherung an Frankreich ergaben, mit Unbehagen, und er entschloß sich zur zweiten Variante. Allerdings war für weiteren Konfliktstoff gesorgt, durch die sogenannte Catta­ro-Affäre, als der österreichische Kommandant der Festung Cattaro diese, ohne dazu ermächtigt zu sein und gegen die Bestimmungen des Preßburger Friedens, an die Russen auslieferte. Diese peinliche Geschichte, die die Habsburgermonar­chie zeitweise vor die fatale Alternative eines völligen Bruches mit Frankreich oder Rußland stellte, konnte durch ein persönliches Schreiben des Kaisers Franz an Napoleon vorübergehend entschärft werden, das der österreichische Sonder­gesandte in Paris, Baron Vincent, Napoleon persönlich am 12. Mai über­reichte H. So war die unmittelbare Gefahr fürs erste gebannt und eine gewisse Hoffnung konnte Stadion auch in die Friedensverhandlungen setzen, die Bevollmächtigte der Verbündeten Österreichs vom Jahre 1805, Rußland und England, in Paris mit dem französischen Außenministerium begannen und denen man allgemein gewisse Erfolgschancen einräumte. Dies vor allem deswegen, weil England in der Person des Charles James Fox, der jahrelang die Konfrontationspolitik der Regierung im britischen Unterhaus bekämpft hatte, einen neuen Leiter des aus­wärtigen Amtes hatte. Man setzte in Wien auch gewisse Hoffnungen in diese Unterhandlungen, da zumindest die vage Aussicht bestand, daß die Interessen Österreichs von den Partnern der dritten Koalition mit ins Spiel gebracht wür­den. Auf der Grundlage der Pariser Friedensverhandlungen sollte bei einem positiven Ausgang eine allgemeine europäische Friedensordnung erarbei­tet werden. Es ist nun der Ort auf jene Vorgänge einzugehen, die unmittelbar zur Nieder­legung der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches geführt haben, da in 13 Rössler: Graf Johann Philipp Stadion, Bd. 1, S. 239. 14 Vgl. darüber im einzelnen Wertheimer: Geschichte Österreichs und Ungarns, Bd. 2, S. 118 f. 128

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