Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 44. (1996)

HEILINGSETZER, Georg: Die österreichische Diplomatie im Jahre 1806. Die Grafen Stadion, Starhemberg und Metternich in ihrer Stellung zum Ende des Alten Reiches

Georg Heilingsetzer hat, die er dem jungen Grafen Metternich brieflich mitteilte6. Der erst kurz vorher in österreichische Dienste getretene Preuße stand damals vor allem mit drei Diplomaten in Kontakt, die für die Fähigsten gehalten wurden und die alle­samt im Gegensatz zur offiziellen Linie der Staatskanzlei standen: die Grafen Stadion in St. Petersburg, Starhemberg in London und der jüngste von ihnen, Metternich, in Berlin. Die Lage, in der sich die Habsburgermonarchie nach dem Friedensschluß von Preßburg (26. Dezember 1805) befand, war so ungünstig, wie sie nur sein konn­te. Wohl waren die Abtretungen nach dem verlorenen Krieg nicht ganz so ver­heerend ausgefallen, wie man zeitweise befürchtet hatte, immerhin aber mußte Kaiser Franz damals erstmals auf Kernländer seines Herrschaftsbereiches, näm­lich Tirol, Vorarlberg und die Vorlande Verzicht leisten, wobei die Akquisition von Salzburg und Berchtesgaden nicht als Äquivalent empfunden werden konn­te7. Das bedeutete natürlich auch, daß sich die Staatseinkünfte weiter verringer­ten und darüber hinaus mußte an Frankreich noch eine beträchtliche Kriegsent­schädigung bezahlt werden (40 Millionen Francs), und dies bei einer notorisch katastrophalen Situation der Staatsfinanzen. So war es also keine beneidenswerte Aufgabe, die der am 18. März 1763 in Mainz geborene Reichsgraf Johann Philipp Stadion übernommen hatte, der nach einer sehr sorgfältigen Erziehung und ausgedehnten Studien- und Reisejahren 1787 in österreichische Dienste getreten war, mit einer besonderen Option für den auswärtigen Dienst, da er die innere Verwaltung für nicht vereinbar mit seinen Vorstellungen von individueller Freiheit hielt8. Stadion wurde zunächst nach Stockholm geschickt und 1790 auf den weit wichtigeren Posten nach Lon­don transferiert, auf dem er fast drei Jahre verblieb. Anschließend zog er sich zunächst ins Privatleben zurück, da er die Politik des nunmehr bestimmenden Freiherrn von Thugut ablehnte und auch von diesem keineswegs geschätzt wur­de. Nach dessen Sturz allerdings stand einer Wiederverwendung nichts im We­ge: Stadion ging zunächst nach Berlin und 1803 nach St. Petersburg. Als schließlich Cobenzl zur Erkenntnis gelangte, daß Napoleon wirksam bekämpft werden müsse, trat Österreich dem englisch-russischen Bündnis bei. Dabei konnte allerdings nicht durchgesetzt werden, den Beginn des Krieges erst für das Frühjahr 1806 festzulegen, denn gegen den Rat Stadions gab Cobenzl den russisch-englischen Plänen nach, die schon im Herbst 1805 ein Losschlagen vorsahen9. Als es dann tatsächlich zum Krieg kam, weilte Stadion zunächst in 6 Wittichen, Friedrich Carl - Salzer, Emst (Hrsg.): Briefe von und an Friedrich von Gentz. 3. Bd. 1. Teil. München-Berlin 1913, S. 28. 7 Über die Bestimmungen des Preßburger Friedens ausführlich Oer, Rudolfine Freiin von: Der Friede von Preßburg. Ein Beitrag zur Diplomatiegeschichte des napoleonischen Zeitalters. Münster 1965, S. 191 und S. 272-279 (Vertragstext). 8 Ober Stadion vgl. die umfangreiche Biographie von Rössler, Hellmuth: Graf Johann Philipp Stadion. Napoleons deutscher Gegenspieler. 2 Bde. Wien-München 1966; über die Motive des Wechsels von Mainz nach Wien vgl. ebenda, Bd. 1, S. 125 f. 9 Ebenda, Bd. 1, S. 210. 126

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