Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

ARTL, Gerhard: Oberfeldrichter Everts und die Serie von Selbstverstümmelungen im Sommer 1944 in Wien

spräche des Leiters der Vollstreckung, Oberfeldrichter Karl EVERTS, an 168 als Zuschauer befohlene Soldaten8) wurden die Verurteilten „in zwei Partien zu je sieben Mann um 7 Uhr bzw. 7 Uhr 15 Min. früh füsiliert.“9) Im Anschluß daran übernahm ein Unteroffizier die vierzehn Leichen und veranlaßte deren Abtransport in die Prosektur des Reserve-Laza­retts Ia.10) Damit fand eine Serie von sechs Prozessen gegen insgesamt 68 Selbstverstümmler und deren Helfer ihren Abschluß. Eine Serie, welche durch die Anzeige einer eifersüchtigen Frau ausgelöst worden war. Seit der Jahreswende 1943/44 waren dem Divisionsrichter der Division Nr. 177, Oberfeldrichter EVERTS, über die Organe der Fahndungs­gruppe 200 immer wieder vertrauliche Mitteilungen darüber zuge­gangen, daß sich Soldaten durch künstliche Herbeiführung von Arm­brüchen und Knieverletzungen dem Wehrdienst ganz, teilweise oder zeitweise zu entziehen versuchen sollten. Konkrete Einzelfälle konnten von den Vertrauenspersonen allerdings nicht genannt werden. Da auch aus den Reserve-Lazaretten keine Verdachtsmeldungen eingingen, wa­ren zunächst keine zielgerichteten Erhebungen möglich.11) Da erschien zufälligerweise im Juli 1944 die Zivilistin Margarete L. bei Gericht und zeigte dort ihren bisherigen Freund, den Obergefreiten Franz SCH., an. Frau L. gab dabei an, SCH. hätte seinem siebzehnjährigen Bruder Erich, der zum Reichsarbeitsdienst einrücken sollte, eine Knieverletzung bei­gebracht. Außerdem behauptete sie, SCH., der sich gerade in Lazarett­behandlung befand, habe sich seine eigene Verletzung vermutlich selbst zugefügt. EVERTS, der sich schon bisher mit besonderer Akribie dem Delikt der Selbstverstümmelung gewidmet hatte12), sah nun endlich die Möglich­keit zum Handeln gekommen. Erich SCH. gestand schon am 13. Juli im Zuge seiner zweiten Einvernahme, daß ihm sein Bruder mehrmals ge­Oberfeldrichter Everts und die Serie von Selbstverstümmelungen im Sommer 1944 8) Als Zuschauer wurden gestellt: 1 Offizier/30 Mann vom Grenadier-Ersatz- und Ausbildungs-Bataillon Hoch- und Deutschmeister, 1 Offizier/60 Mann von der 4. Kom- panie/Sanitäts-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 17, 1 Offizier/30 Mann von der Nach­richten-Ersatz- und Ausbildungs-Abteilung 17, 1 Unteroffizier/10 Mann von der 1. Bäk- kerei-Ausbildungs-Kompanie und 1 Offizier/33 Mann vom Ersatz- und Ausbildungs- Bataillon 287. 9) AdR, DWM, Ger.A., Ktn. 443, fol. 1067. Niederschrift über die Vollstreckung der Todesstrafe. Abgedruckt in: Manfred Messerschmidt/Fritz Wüllner, Die Wehr­machtjustiz im Dienste des Nationalsozialismus (Baden-Baden 1987) S. 139f; Fritz Wüllner, Die NS-Militärjustiz und das Elend der Geschichtsschreibung (Baden-Baden 1991) S. 612f. 10) Das Reserve-Lazarett Ia befand sich in Wien XIV, Heinrich-Collinstr. 30. 11) AdR, DWM, Ger.A., Ktn. 443, fol. 384. 12) Dazu Wüllner, Militärjustiz, S. 609f. 195

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