Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

ARTL, Gerhard: Oberfeldrichter Everts und die Serie von Selbstverstümmelungen im Sommer 1944 in Wien

GERHARD ARTL OBERFELDRICHTER EVERTS UND DIE SERIE VON SELBST­VERSTÜMMELUNGEN IM SOMMER 1944 IN WIEN. Am 7. Februar 1945 wurden gegen fünf Uhr früh vierzehn wegen Zer­setzung der Wehrkraft zum Tode verurteilte Soldaten und Zivilisten nacheinander einzeln in das Dienstzimmer von Major WEDDIGE, des Kommandeurs des Wiener Wehrmachtuntersuchungsgefängnisses1), ge­führt. Dort wurde ihnen bekanntgegeben, daß die Todesurteile des Feldgerichtes der Division Nr. 177 Wien vom 23., 24., 26. und 27. Okto­ber2) sowie vom 9.3) und 19. Dezember 19444 5) durch den Oberbefehls­haber des Ersatzheeres und Reichsführer SS Heinrich HIMMLER bestä­tigt und die Vollstreckung angeordnet worden sei. Auf die Frage, ob sie dazu etwas auszuführen oder einen letzten Wunsch hätten, verfaßten zwei der Deliquenten Abschiedsbriefe. Der Obergefreite Johann WINHO- FER dagegen gestand noch, einen gewissen Leo NEMEC erschossen und in einem Weinkeller in Straßhof verscharrt zu haben.3) Anschließend hatten die gefangenen Soldaten ihre Uniformen gegen altes und meist unpassendes Gewand zu tauschen. Der Unteroffizier vom Dienst legte sodann Hände und Füße der Todeskandidaten in Ket­ten und brachte sie mit der Wachmannschaft zu einem vergitterten Lastwagen. In Begleitung dreier Wehrmachtseelsorger, die sich zu den Verurteilten setzten, verließ der aus einem PKW für die Offiziere und dem LKW bestehende kleine Konvoi die Trostkaserne. Über die Trie- sterstraße, den Gürtel, die Prinz-Eugen-Straße, über Schwarzenberg­platz und Ring, ging die Fahrt Richtung Reichsbrücke. In der Wagramer- straße, gleich nach der Russenkapelle, bog die kleine Kolonne schließ­lich zur Schießstätte Kagran6) ab. Dort half man den durch die Fesseln Behinderten vom Fahrzeug herab und brachte sie - an vierzehn offenen Blechsärgen vorbei - zur Hinrichtungsstätte.7) Nach einer kurzen An­1) Das Wehrmachtuntersuchungsgefängnis befand sich in Wien X, Hardtmuthgasse 42. 2) Archiv der Republik (AdR), Deutsche Wehrmacht (DWM), Gerichtsakten (Ger.A.), Ktn. 443. 3) Ebd., Ktn. 135/5. 4) Ebd., Ktn. 93/1. 5) Ebd., Ktn. 443, fol. 1066. 6) Anstelle der Schieflstätte Kagran befindet sich heute ein Sportplatz der Öster­reichischen Bundesbahn. 7) Wegbeschreibung nach Friedrich Vogl, Widerstand im Waffenrock. Österreichi­sche Freiheitskämpfer in der Deutschen Wehrmacht 1938 - 1945 (Wien 1977) S. 215ff. 194

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