Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

ENDERLE-BURCEL, Gertrude: Militarisierung der Gesellschaft – Aspekte österreichischer Wehrpolitik 1918–1938

Die Abrüstungsverhandlungen in Genf wurden so von Österreich dazu benützt, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht mit den Hinweisen auf die innen- und außenpolitische Bedrohung durch die Nationalsozia­listen sowie auf die notwendige Erhaltung der österreichischen Unab­hängigkeit systematisch vorzubereiten.20) Mit 1933 hatte Österreich, al­lerdings bereits unter stark veränderten außenpolitischen Verhältnissen, die vertragliche Bevormundung in Heeresangelegenheiten weitgehend abgeschüttelt, wenngleich eine Einflußnahme des Auslandes bis zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht stets im Bereich des Möglichen lag. Von den innenpolitischen Aspekten beim Aufbau des Bundesheeres in der Ersten Republik sei hier nur auf das Problem der Verantwortung der militärischen Führung gegenüber den jeweiligen politischen Ressort­chefs21), auf die unterschiedliche Haltung der Parteien zu Wehrfragen22 23), auf die Meinungsverschiedenheiten der politischen Parteien über die politischen Rechte der Heeresangehörigen25), auf die „Entpolitisierung“, bzw. „Umpolitisierung“ des zunächst sozialdemokratisch dominierten Heeres durch den christlichsozialen Heeresminister Carl Vaugoin24), auf die Entstehung der paramilitärischen Verbände, u.a. begründet mit der geringen Stärke des Bundesheeres25), auf die zum Teil umstrittenen Ein­sätze des Bundesheeres bei innenpolitischen Auseinandersetzungen26) hingewiesen. Das Bundesheer hatte bei den zunehmenden innenpolitischen Spannun­gen immer mehr Bedeutung für die Regierungen erlangt. Dies zeigte sich nicht zuletzt daran, daß Bundeskanzler Engelbert Dollfuß vom 21. September 1933 bis 12. März 1934 und vom 10. bis 25. Juli 1934 zu­Militarisierung der Gesellschaft - Aspekte österreichischer Wehrpolitik 1918-1938 20) Umfangreiches Material für die österreichische Delegation bei der Abrüstungs­konferenz vgl. AdR, Bundesministerium für Landesverteidigung, Heeresausbau Karton 271 und 272. Die Akten weisen groBteils keine Aktenzahlen auf. Zu Österreich auf der Abrüstungskonferenz vgl. auch Marian Wrba, Genfer Politik, Österreich und das Sy­stem der kollektiven Sicherheit 1932-1935, Diplomarbeit, Wien 1989, S 11-145. 21) Jedlicka, Ein Heer im Schatten der Parteien, S 68. 22) Haas, Wehrpolitik. 23) Rauter, Wehrgesetzgebung S 77. 24) Anton Staudinger, Bemühungen Carl Vaugoins um Suprematie der christ­lichsozialen Partei in Österreich 1930-1937, phil. Diss., Wien 1969. 25) Jedlicka, Ein Heer im Schatten der Parteien, S 74. 26) Steinböck, Österreichs militärisches Potential, S llff. Zu dem Verhalten des Bundesheeres bei den Februarkämpfen vgl. Kurt Peball, Februar 1934: Die Kämpfe, in: Das Jahr 1934: 12. Februar, Protokoll des Symposiums in Wien am 5. Februar 1974, hrsg. Ludwig Jedlicka/ Rudolf Neck, Wien 1975, S 25-33; zum Verhalten während des Juli-Putsches 1934 vgl. Gerhard Jagschitz, Der Putsch, Die Nationalsozialisten 1934 in Österreich, Graz 1976. 181

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