Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 43. (1993) - Festschrift für Rudolf Neck zum 65. Geburtstag

KUDERNA, Wolfgang: Die Verleihung des Ritterkreuzes des Militär-Maria Theresien-Ordens an Oberstleutnant Josef Wächter 1918

Wolfgang Kudema ausgehoben wurde, unterblieb eine Rettungsaktion. So erzielten die Russen auch am 2. Juli - nicht zuletzt durch den Einsatz der tsche­choslowakischen Schützenbrigade gegen zwei tschechische Regimenter - örtlich bedeutende Geländegewinne. Operative Bedeutung für die Lage der Heeresgruppe hatten diese Erfolge jedoch nicht. Allerdings mußte das IX. Korps nach der Schlacht aus der Front genommen wer­den. So gesehen konnte die Entscheidung zugunsten der Russen nurmehr in der Schlacht von Stanislau- Ralusz, 6. bis 11. Juli fallen. Auch hier wur­den anfänglich schöne Geländegewinne erzielt. Am 11. Juli schließlich gelang den Angreifern abermals ein Einbruch in die Stellungen des XXVI. Korps der 3. Armee. Da keinerlei Reserven mehr vorhanden wa­ren, hätte die Lücke in der Front nicht geschlossen werden können. Die zwei bereitstehenden russischen Kavalleriedivisionen, die der dort kom­mandierende General Konilow frisch und ausgeruht zur unmittelbaren Verfügung hatte, hätten ungehindert in den Raum hinter die Südarmee stoßen können. Dies hätte die gesamte Heeresgruppe gefährdet und die geplante Gegenoffensive unmöglich gemacht. Kornilow erkannte die Gelegenheit nicht, die Kavallerie wurde nicht eingesetzt, ja die Angriffe sogar eingestellt. In der Nacht zum 12. konnte ein dünner Schleier aus frisch herangeführten Marschbataillonen die Lücke schließen.11) Wieder zurückkommend auf mein eigentliches Thema fällt bei beiden Waffentaten des Oberstleutnant Wächter neben seiner persönlichen Tap­ferkeit vor allem sein Denken und Handeln im Sinne des übergeorneten Kommandos, bei Brzezany 1916 im Sinne der Brigade, im Jahr 1917 im Sinne des Korps auf. In beiden Fällen mußte bei ungewisser, sicher aber ungünstiger Feindlage, rasch eine Flankensicherung zur Abrieglung ei­nes Einbruches aus dem bereits durchstoßenen Nachbargefechtsstreifen aufgebaut werden. Letztendlich standen aber beide Male die dafür vor­gesehenen Kräfte im Moment der Entscheidung für oder gegen einen sofortigen Angriff nicht zur Verfügung. Beide Male erkannte Wächter, daß seine einzige Chance in der Ausnut­zung des Überraschungsmomentes lag und entschloß sich folgerichtig zum sofortigen Handeln mit den momentan verfügbaren, jeweils um ein Vielfaches unterlegenen Kräften. Die Erfolge sprechen für sich. Beide Male konnte er die Absicht des Gegners, dessen Erfolg speziell bei Ko- niuchy 1917 weitreichende operative Folgen gehabt hätte, vereiteln und seinen Auftrag mit geringen eigenen Verlusten zur Gänze erfolgreich durchführen. 11) Kudema, Kerenski-Offensive, Seite 171. 154

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