Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 41. (1990)
HEPPNER, Harald: Serbien im Jahre 1889 nach einem Bericht Ludwig von Thallóczy's
Serbien im Jahre 1889 Nun, damit ist zwar die Reihe der Stimmungsdocumente nicht erschöpft, ich könnte noch eine Masse hochtrabender russophiler Gedichte, Rosaken verherrlichende Droh-Roman<jen etc. hier erwähnen, aber all’ dies ist nicht von Relang. Die in letzter Zeit in grösserer Zahl erschienen, russische „Philologen“ selbst, constatirten, dass es den Herrn Chauvinisten hier selbst nicht ganz ernst mit ihren Drohungen sei. Im Gegentheil, trotz alles Austrophobentums und spontanen Russo- philenthums konnte man eine gewisse schwüle Stimmung observiren, ein hängiges Gefühl beherrschte die Leute, „was man den[n] in Oesterreich-Ungarn drüben sagen wird“. Die sonst couragirtesten Schwärmer spielten den Reschwichtigungshofrath43) und sagten, Alles sei nur das nicht zu bezähmende Nationalgefühl, welches sich nun in dieser Weise austobt. Am 24. [Juni] wurde die Thronrede von Wien bekannt44). Alle Welt gab sich damit zufrieden, weil der Gesammteindruck dennoch ein friedlicher war, obwohl man die moralische Züchtigung ganz gut herausfühlte. Die russophilen Optimisten trösteten sich damit, dass der Passus über Rulgarien in Russland eine „ungeheure“ Erregung hervorrufen wird. Als dann nichts dergleichen geschah, war man auch zufrieden. Dass Serbien in volkswirtschaftlicher Reziehung ganz in unseren Händen sei, darüber ist alle Welt im Klaren, darum auch der intensive Hass treba njih sad pocupati - pa Srbinskoj kruni dati eto kljuca ovoj tajni. Motto: Was einstens unser war auf Erden, muß unser künftig wieder werden. Was ist’s mit der Krone? Soll unsere Krone fertig sein und so die Krönung vollends weih’n, dann müssen wir fünf Kronjuwelen, die jetzt den Serben stets noch fehlen, an uns zu reissen uns befleissen und sie der Krone und dem Throne des Serbenlandes einverleiben. Das wird der Schlüssel immer bleiben zur Antwort auf die Frage, die ich als Aufschrift wage. 43) Umgangssprachliches Wort für jemanden mit beschwichtigendem Getue. 44) Es handelt sich um die Rede Kaiser Franz Josephs am 23. Juni 1889 beim Empfang für die österreichischen und ungarischen Delegationen. Die einschlägige Passage lautet: „Von wohlwollenden Gefühlen für das benachbarte Königreich erfüllt, wünsche ich dies auch Meinerseits und hoffe, daß die Klugheit und der Patriotismus der Serben das Land vor ernsten Gefahren bewahren werde“ (zitiert nach der Grazer Zeitung vom 25. Juni 1889). 167