Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)
SCHÖNFELLNER, Franz: Der Bund als Gesellschafter der WÖK in der Ersten Republik
Der Bund als Gesellschafter der WÖK 157 eingerichteten Küchen nötig gewesen wären, daß die Zentralbäckerei, die Wäscherei und der Fuhrpark höhere Geldaufwendungen verschlungen hätten. Alle diese Investitionen, auch jene, die 1929 mit einem Kredit der Zentralsparkasse finanziert worden seien, hätten sich bewährt35). Den guten Zustand der WÖK zeigen die Bilanzberichte für 1929 und 1930 sowie ein von Prof. Durig im Auftrag des Aufsichtsrates erstellter Kontrollbericht von 193036). Die WÖK wurde demnach von etwa 35.000 Personen täglich frequentiert und war nicht nur in den Küchen modern ausgestattet, auch die Speiseräume waren geschmackvoll gestaltet. Die Zentralbäckerei habe sich bewährt, der Wirtschaftshof in Baumgarten mit eigener Schlosserei, Tischlerei, Wäscherei, Büglerei und Flickerei, ja sogar eine Schusterwerkstätte für die Arbeiter und Angestellten hatten sich bestens eingeführt. Die Hühnerfarm mit einer Produktion von 87.000 Eiern im Zeitraum Jänner bis November 1930 sei eine zielführende Investition gewesen. Auch der Rechnungshof war der Meinung, daß der Anlagewert der WÖK weit höher als die Stammeinlage zu bewerten sei, doch stellte er die Fragen, ob die Gesellschaft noch als Ausspeisungsstätte für ärmere Volksschichten ihren ursprünglichen Zweck erfülle, ob die Nichtverzinsung der Einlage für den Bund tragbar sei, und schließlich, ob der Bund ein Konkurrenzunternehmen zu den „kleinen Gastwirtbetrieben“ weiter fördern solle. Die WÖK mit ihren gut ausgestatteten Großküchen konnte nicht nur billiger einkaufen und kochen, auch der Betrieb firmeneigener Werkstätten oder die scheinbare Kleinigkeit, daß die Gärtnerei frische Tischblumen lieferte, führten dazu, daß sich die Gastwirte Wiens gegen sie formierten. Die Vertreter des Finanzministeriums im Aufsichtsrat sprachen sich gegen ein Ausscheiden des Bundes aus und brachten ihrerseits politische Überlegungen ins Spiel. Sektionschef Dr. Hlavac meinte, daß die Gemeinde Wien entschlossen sei, alles zu tun, um das Unternehmen zeitgemäß auszugestalten, und es begrüßen würde, wenn die WÖK ganz in ihre Hände komme. Dies wäre ein sehr bedeutender Machtzuwachs für die Gemeinde und würde ihren Sozialisierungsbestrebungen im Hotel- und Gaststättenwesen freie Bahn geben37). Frau Dr. Motzko, die in einem Bericht des Departements 23 als christlich-sozial und als führendes Aufsichtsratsmitglied des Bundes bezeichnet wurde, hatte betont, daß damit die Gemeinde die Macht bekäme, das Gastgewerbe „auf kaltem Wege zu sozialisieren“. Wäre nicht der Einfluß des Bundes, gäbe es 60 statt 30 WÖK-Küchen. Der Einkauf der Lebensmittel hätte mittlerweile so geregelt werden können, daß die Belieferung nicht von gemeinschaftlichen Unternehmungen und den Konsumgenossenschaften, sondern zumindest beim Fleischeinkauf von sieben privaten bodenständigen Firmen übernommen worden 35) Stellungnahme des Dept. 23 unter Führung von Ministerialrat Dr. Petschann zur Kapitalerhöhung: FA Dept. 23 ZI. 21.740-23/1930. 36) FA Dept. 23 ZI. 69.025—23/1930. Zum Bericht Prof. Durigs wurde vermerkt, daß er subjektiv und daher nicht weiter zu bearbeiten sei. 37) FA Dept. 23 Beilage zu ZI. 21.714-23/1930.