Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 39. (1986)
SCHÖNFELLNER, Franz: Der Bund als Gesellschafter der WÖK in der Ersten Republik
156 Franz Schönfellner schließlich wurde Sektionschef a. D. Adolf Hlavac nominiert, der keine Bezüge von der WÖK erhalten sollte31). Differenzen mit Sektionschef a. D. Dr. Degischer, der, ohne vorher das Einvernehmen mit den übrigen Bundesvertretem herzustellen, 1929 der Preiserhöhung der Menüs um durchschnittlich zehn Groschen zustimmte, führten zur Demission von Sektionsrat André aus dem Aufsichtsrat. Dr. Hlavac wurde gebeten, seine Stelle im Aufsichtsrat zu übernehmen. Da somit wieder ein Geschäftsführer zu bestellen war, wurde das Problem einer Bezahlung dieser Aufgabe neuerlich aktuell. Dr. Degischer bot im Einvernehmen mit Prof. Fränkel an, auf seine bezahlte Stellung als Aufsichtsrat zu Gunsten von Dr. Hlavac zu verzichten; zum dritten Geschäftsführer wurde Oberrechnungsrat Anton Vaget bestellt, der als aktiver Beamter des Finanzministeriums seine Aufgaben ehrenamtlich zu erfüllen versprach32). 1930 stimmte der Bund nach langen Verhandlungen einer Erhöhung des Stammkapitals auf S 600.000,— zu, stellte dabei allerdings die Bedingung, daß Dr. Hlavac den Vorsitz im Aufsichtsrat übernehme33) — letztlich sollte es dazu aber nicht kommen. Die neuerliche Kapitalerhöhung führte zu heftigen Reaktionen der Gastwirte und Cafetiers. V Der Rechnungshof, dem in diesem Jahr erstmals Einschau in die Bilanzunterlagen der WÖK über die Jahre seit 1925 gewährt wurde34), bezeichnete die geschäftliche Entwicklung als günstig und anerkannte die gute Führung des Unternehmens. Dagegen bezweifelten die Kontrollore, ob die WÖK noch als karitatives Unternehmen bezeichnet werden könne, da sie von rein kaufmännischen Überlegungen geleitet würde und ein ausgesprochener Konkurrenzbetrieb der gewerbsmäßigen Gastwirtschaften sei. Da zudem die Bundeseinlage keinerlei Zinsen trage, sollte geprüft werden, ob die Firmenanteile nicht abgestoßen werden sollten. Im Finanzministerium wurde von seiten des zuständigen Departements 23 betont, daß seit 1925 weitere hohe Investitionen in die teilweise primitiv 31) FA Dept. 23 ZI. 54.416—23/1928. Er war auch in der Verwaltung der Sprengstoffwerke Blumau tätig. 32) FA Dept. 23 ZI. 2.706-23/1930, 78.228-23/1929, 36.803-23/1929. Für Pensionisten, so betonte das Dept. 23, böte eine unbezahlte Stelle keinen Anreiz. Der Aufsichtsrat sah 1930 somit folgendermaßen aus: Bundesvertreter: Sektionschef a. D. Dr. Adolf Hlavac (Vizepräsident), Sektionschef a. D. Dr. Wilhelm Degischer, Stadtrat Dr. Anna Motzko; Gemeindevertreter: Prof. Dr. Sigmund Fränkel (Präsident), Schuldirektor Emüie Seitz - die Gattin des Bürgermeisters, Gemeinderat Anton Grollig, sowie Prof. Dr. Arnold Durig als Fachmann für Lebensmittelchemie. Geschäftsführer waren Generaldirektor Karl Hammerschlag und die Direktoren Oberrechnungsrat Anton Vaget (Bund) und Regierungsrat Hermann Deri (Gemeinde). 33) FA Dept. 23 ZI. 85.723-23/1930. Im Budget wurde die Summe unter „Erwerbungen von Anteilen bzw. Aktien von Privatuntemehmungen“, Kap. 18. Tit. 1, § 1 verbucht. 34) FA Dept. 23 ZI. 78.931-23/1930. Die Kontrollore bedauerten, daß dies erst jetzt möglich wäre.