Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
MIKOLETZKY, Lorenz: Zehnter Internationaler Archivkongreß Bonn 1984
428 Elisabeth Springer gends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur Bücher über Bücher; es hat ordentlich nach Gehirnphosphor gerochen 7).“ Ähnlich mag es dem durchschnittlichen Historiker gehen, der unversehens in eine Bücherabteilung geraten sollte, in der alle jene Werke stehen, die sich nur mit Geschichtstheorie befassen: endlose feindliche Reihen und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen. Eine vor etwa zwanzig Jahren festgestellte „eigenartige Sehnsucht nach Theorie“ hat zu solch hektischer Tätigkeit geführt, daß sich das Verhältnis von „konkreter historischer Forschung“ und Methodenreflexion in einem noch nie dagewesenen Ausmaß zugunsten der letzteren verschoben hat8 9). Schließlich schoß die Diskussion über Theorieprobleme so üppig ins Kraut, daß sich einige deutsche Professoren berufen fühlten, Ordnung in die Sache zu bringen. Man stellte fest, die Diskussion sei bisher „in ziemlich unsystematischer Weise“ 8) betrieben worden; es wurde ein Arbeitskreis „Theorie der Geschichte“ gegründet, der es seit 1975 zu einer Serie von Tagungen und zur Veröffentlichung von vier Bänden, zwar in Kleinformat, aber immerhin mit über 1900 Seiten, brachte 10 11). Früher konnte der Historiker, der sich für ein Thema interessierte, durch eifriges Quellenstudium die vorhandene Wissenslandschaft im Detail zu bereichern trachten, oder er konnte bereits bekanntes Material durch kluge Überlegungen anders deuten, — jedenfalls konnte er das Ergebnis seiner Bemühungen in verständlicher Sprache zu Papier bringen, gleichviel, ob es sich um die Verwendung der Doppel-i-Punkte in der päpstlichen Kanzlei oder um das österreichische Staats- und Reichsproblem handelte. Solche glücklichen Zeiten sind jedoch lange vorbei. Die herkömmliche Geschichtswissenschaft ist — wie uns die Fachleute allenthalben versichern — in eine Krise geraten n). Heutzutage muß man offenbar — um vor dem Forum der Wissenschaftsjünger bestehen zu können — einerseits irgendwelche Gesetzmäßigkeiten nachweisen, andrerseits vor allem 7) Zit. nach der Ausgabe von Adolf Frisé (Hamburg 1970) 461. 8) Helmut Rumpler Offene Fragen einer Theorie der Geschichtswissenschaft in Denken über Geschichte (Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit 1, Wien 1974) 207, unter Hinweis auf I. S. Kon Die Geschichtswissenschaft des 20. Jahrhunderts (Berlin-Ost 1966). 9) Reinhart Koselleck — Wolfgang J. Mommsen — Jörn Rüsen Einführung in Objektivität und Parteilichkeit (Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik 1, München 1977) 11. 10) Bd. 1 wie oben; Bd. 2: Historische Prozesse. Hg. von Karl-Georg Faber und Christian Meier (München 1978); Bd. 3: Theorie und Erzählung in der Geschichte. Hg. von Jürgen Kocka und Thomas Nipperdey (München 1979); Bd. 4: Formen der Geschichtsschreibung. Hg. von Reinhart Koselleck, Heinrich Lutz und Jörn Rüsen (München 1982). n) Georg G. I g g e r s Neue Geschichtswissenschaft. Vom Historismus zur Historischen Sozialwissenschaft. Ein internationaler Vergleich (München 1978) 11 ff; Hans Michael Baumgartner — Jörn Rüsen Einleitung in Seminar: Geschichte und Theorie (Frankfurt am Main 1976) 7.