Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
MIKOLETZKY, Lorenz: Zehnter Internationaler Archivkongreß Bonn 1984
Plädoyer für die Kulturgeschichte 429 die Fachrhetorik beherrschen. Der Text sollte daher Ausdrücke wie Systematisierungsprinzip, Sichtfelddimensionierung, Ob j ekti vitätspostu- lat, Emanzipationsprozeß, partialisierende Parteilichkeit, Common-sense- Strukturierung, Totalitätskonzeption, Erklärungspotential, Operationali- sierbarkeit, Kausalverkettung u. a. m. sehr häufig verwenden. Ferner empfiehlt es sich, die Entwicklung von Demo-, Auto-, Büro- und anderen Kra- tien gehörig in den Vordergrund zu stellen. Jeder Historiker, der auf sich hält, sollte nicht versäumen, sich am Wortbildungssport zu beteiligen; aus manchen Wortstämmen lassen sich durch entsprechende Prä- und Suffixe Wortfelder von bis dahin ungeahnter Weite bilden. Diese Hyperspezialisierung des Wortschatzes kann gelegentlich dazu führen, daß die Vertreter weit voneinander entfernter Wissenschaftszweige plötzlich das gleiche Wort für sich reklamieren: Die arme „Organologie“ weiß nicht mehr, ob sie zur Biologie oder zur Musikinstrumentenkunde gehört12 13). Wenn man auf dem Gebiet der sprachlichen Formulierung besonders erfindungsreich ist, erspart man sich unter Umständen alle vorherige lästige Forschungsarbeit. Der Fabrikator solcher Texte kann jedenfalls des Erfolges in der Kollegenschaft sicher sein, denn „der gegenwärtig zu beobachtende Zuwachs an theoriesprachlichen Elementen entspricht ... zum ... Teil der Aussicht auf Respektprämien, die heute auf souveräne Theorierhetorik ausgesetzt sind“ ls). Und so erhebt sich die Frage, ob sich das Ergebnis eines Forschungs- oder Denkprozesses wirklich nur so kompliziert darstellen läßt oder ob das Fach-Chinesisch über die Dürftigkeit des Inhaltes hinwegtäuschen soll. In dieser Viel-Worte-Macherei dürfte m. E. die Erklärung dafür zu finden sein, daß sich das Fachwissen jeder einzelnen Disziplin durchschnittlich alle fünf Jahre verdoppelt14). Der Geruch nach Gehirnphosphor wird beängstigend; man möchte mit General Stumm von Bordwehr sagen: „Da stimmt etwas grundlegend nicht!“ 15 * *) Der oben erwähnte Arbeitskreis für „Theorie der Geschichte“ hatte die Definition erarbeitet, Theorien seien „explizite und konsistente Begriffsysteme, die nicht aus den Quellen abgeleitet werden können, aber der Identifikation, Erschließung und Erklärung von historischen Gegenständen dienen sollen“ 18). In einem der darauffolgenden Vorträge gipfelt 12) Als Teilgebiet der Biologie dürfte die Organologie schon länger bekannt sein, während das „Institut für organologische Forschung“ an der Wiener Hochschule für Musik und Darstellende Kunst neueren Datums ist. 13) Hermann Lübbe Wieso es keine Theorie der Geschichte gibt in Theorie der Geschichte 3 79. 14) Werner Post Historische Perspektiven in den heutigen Sozialwissenschaften in Denken über Geschichte (Wiener Beiträge 1) 147. is) Musil Der Mann ohne Eigenschaften 460. i0) Jürgen Kocka — Thomas Nipperdey Einführung in Theorie und Erzählung in der Geschichte (Theorie der Geschichte 3) 9.