Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
MIKOLETZKY, Lorenz: Zehnter Internationaler Archivkongreß Bonn 1984
420 Lorenz Mikoletzky weiterhin gerecht werden wollen. Bei all diesen zeitbedingten Schwierigkeiten sollte sich aber jeder stets bewußt bleiben, daß die Archivare die Hüter eines großen Teils des kulturellen Erbes der Welt sind. So wie sie diesem Erbe, seiner Erhaltung und Nutzbarmachung verpflichtet sind, so haben die Archive ihrerseits auch einen Anspruch darauf, daß Staat und Gesellschaft sie bei der Erfüllung dieser Pflicht nicht im Stich lassen“. Die erste Plenarsitzung stand unter dem General thema Die Herausforderung. Hier hielt O. G a u y e (Schweiz) den Hauptvortrag. An Hand der Analyse einer Umfrage im internationalen Archivbereich über Art und Ursachen der Herausforderungen konnten die allgemeinen und auch die spezifischen Probleme herausgearbeitet werden, die sich weltweit den öffentlichen Archiven stellen. Hier war und ist der stets in Fluß befindliche gesellschaftliche Wandel von größter Bedeutung: Vor allem das Anwachsen des staatlichen Verwaltungsapparates und seine Folgen bestimmen den Alltag in den Archiven. Mehr denn je muß der Archivar mit allen Dienststellen, deren Schriftgut er übernehmen wird, in engem Kontakt stehen, um seinen Einfluß für eine „archivgerechte“ Aktenablage geltend machen zu können und den Berg der von der Verwaltung produzierten Akten für die Übernahme in das Archiv in annehmbarer Größe zu halten. Dabei haben die Archive aber nicht nur mit der öffentlichen Verwaltung zu tun; lokale Institutionen, Private und andere Unternehmen sind ebenso Aktenproduzenten, die beraten werden sollten. Daneben darf aber der wissenschaftliche und kulturelle Auftrag der Archive nicht an den Rand geschoben werden! Um allen Aufgaben gerecht werden zu können, braucht man Geld! Die französische Seite stellte folgendes fest: „Die Wachstumskurve der Aktenablieferungen verläuft exponentiell, diejenige der Mittel jedoch nur geometrisch. Es handelt sich nicht um ein Mißverhältnis, um einen Abstand, sondern um einen Abgrund“, und sprach damit allen Archivaren aus der Seele. Dem jeweiligen Hauptreferat waren Zusatzbeiträge nachgeordnet, und anschließend fand eine Generaldiskussion statt. Während F. M. Waga- n o w (UdSSR) auf Die wachsende gesellschaftliche Bedeutung der staatlichen Archive unter den gegenwärtigen Bedingungen einging, behandelte J. M. Mata Castillón (Spanien) Die politischen und fachlichen Auswirkungen der Dezentralisierung auf die Archive. Er sah darin eine politische Entscheidung, die der Archivar akzeptieren sollte, wobei er aber „gegenüber dem beschriebenen Prozeß Feingefühl beweisen und schließlich in fachlicher Hinsicht nach bestem Vermögen reagieren“ muß ... „Da für unseren Beruf und für die Archive, denen wir dienen, viel auf dem Spiel steht, müssen wir versuchen, der Herausforderung mit Begeisterung entgegenzutreten“. Aus der Sicht eines Bundesstaates beleuchtete N. de Goes Monteiro (Brasilien) die archivische Herausforderung, während J.-P. Bitoumbou (Kongo) den Aufhau eines Archivprogrammes in Entwicklungsländern erläuterte, wobei er nicht nur auf die notwendige Frage eines eigenen Gebäudes und der materiellen Ausstattung,