Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 283 angesagt. Am Morgen dieses Tages erschien in den schon genannten Národní listy unterhalb des Vergnügungsanzeigers ein Inserat38): ,Heu­te Nachmittags Stelldichein in Kuchelbad, wer kann, der komme, die Schraubendampfer verkehren während des ganzen Nachmittags1. Dort feierten das Corps Austria und seine Gäste mit den Damen im Garten eines Restaurants bei den Klängen der Musikkapelle des Infanterieregi­ments 36, jenes Regiments, bei dem der Kronprinz seit dem 1. August 1878 zum Dienst eingeteilt war39). Trotz der dort von Anfang an postierten Gendarmen kamen gruppenweise immer mehr tschechische Studenten in die Lokalitäten, weshalb man, als das „national gefärbte Stänkern“ im­mer bedrohlicher wurde, die Damen nach Prag in Sicherheit brachte und gleichzeitig die Statthalterei von der sich immer mehr zuspitzenden Si­tuation benachrichtigte. Der daraufhin entsandte Bezirkskommissär von Smichov (Prager Stadtteil am linken Moldauufer), der von den Tschechen mit Sláva(Hoch)-Rufen empfangen wurde, konnte sich allerdings in kei­ner Weise durchsetzen; denn die Tschechen begannen die Kaiserhymne zu singen und verlangten auch von der Regimentskapelle deren Intonierung sowie von den Couleurstudenten das Mitsingen entblößten Hauptes. Diese verwiesen ihrerseits darauf, daß das „Gott erhalte“ ihr Farbenlied (Ver­einshymne) sei und daher stets primo loco gesungen werde. Nach einigem Hinundher kam es dann doch zum Spielen und gemeinsamen Absingen der Hymne durch beide Parteien — sicherlich eine eigenartige Loyalitäts­kundgebung. Es folgten „donnernde Pereat-Rufe“ auf den unter den Cou­leurstudenten befindlichen Prinzen Johann zu Thurn und Taxis als na­tional Abtrünnigen (odrodilec) und die Aufforderung „nemecti psy do- mü“ (Deutsche Hunde nach Haus)40). Vor Einbruch der Dunkelheit be­gann der Abzug der Couleurstudenten, die zwar von Gendarmen umgeben waren, über deren Köpfe hinweg jedoch derart mit Bierkrügeln und Stei­38) Deutsche Zeitung Bohemia, 54. Jg., 1881 Juni 30 n. 178 S. 3; Kis ch „Ku- chelbader Schlacht“ 317; Neuwirth Stiftungsfest 64f. Das Corps Austria hatte im Sommersemester 1881 einen Stand von 13 sogenannten Aktiven, näm­lich 3 Chargierte, 6 Corpsburschen, 4 Füchse (Aspiranten): Neuwirth 1. c. 72. Dazu kamen in Kuchelbad noch die ausländischen Gäste und die sogenannten Alten Herrn (Corpsphilister). 39) Kisch „Kuchelhader Schlacht“ 318; Neuwirth Stiftungsfest 65, 68. Die Musikkapellen der jeweils in den Städten stationierten Regimenter wurden für festliche Veranstaltungen engagiert. Der Kronprinz war am 18. August 1879 zum „definitiven Regimentskommandanten von Nr. 36“ ernannt worden (Mitis Leben 66), sodaß er sich, da die Regimentskapelle fliehen mußte, persönlich insultiert fühlte. Die Gendarmerie griff in keiner Weise — weder ordnend noch schützend — ein, da ein Waffengebrauch nur bei einem Angriff auf diese selbst befohlen worden war, das Stein- und Flaschenbombardement jedoch stets über sie hinweg erfolgte (Neuwirth 1. c. 67). 40) Wörtlich in der deutschen Zeitung Bohemia, 54. Jg., 1881 Juni 29 n. 177 S. 5 f; Neuwirth (vgl. Stiftungsfest 71) war damals Supplent am Deutschen Staats­gymnasium Prag-Altstadt und kam aus Berufsgründen erst nach 15 Uhr nach Kuchelbad, wo sich bereits der Konflikt anzubahnen begann.

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