Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
284 Walter Hummelberger nen eingedeckt wurden, daß es vier Schwer- und fünf Leichtverletzte gab. Die Angreifer lösten sich so rasch auf, daß in Kuchelbad selbst keine Festnahmen erfolgen konnten; dies geschah erst später, wie üblich nach Denuziation von Konationalen. Bei der Ankunft in Prag wurde das Schiff von einer „tausendköpfigen Menge“ empfangen, sodaß die Straßen durch massiven Polizeieinsatz geräumt werden mußten. Das Nachspiel war für die tschechischen Studenten schwerwiegend: Vier wurden für immer, einer für vier Semester relegiert, drei Juristen erhielten Verweise, einer das Consilium abeundi. Wegen der Demonstrationen in Prag wurden nach einem mehrtägigen Strafprozeß ein tschechischer Schauspieler zu fünf Monaten und ein Brauereibesitzerssohn zu drei Monaten schweren Kerkers verurteilt41); die Verletzten hüben und die Verurteilten drüben wurden als Helden geehrt. Durch die ausländischen Gäste des Corps Austria sowie durch die aufgeregte Reaktion der beiderseitigen Presse, wohl auch deshalb, weil es der erste Vorfall dieser Art in Prag und daher symbolisch für Böhmen war, wurde die „Kuchelbader Schlacht“ nicht nur in der ganzen Monarchie, sondern auch im Deutschen Reich ungewöhnlich publik. Literarisch fand sie ihren Niederschlag in dem Prager Studentenroman Ewiger Lenzkampf von Robert Hohlbaum 42 43 *) und in einem sehr nationalpathetischen, phantastischen Gedicht von Hans Hopfen Auf dem Hradschin (1881), das aber von der k. u. k. Zensur verboten wurde, da es sich mit dem Kronprinzenpaar befaßte4S). Wenn auch die in Wort und Schrift geäußerte politische Slawophilie des Kronprinzen im Verlauf seiner Prager Jahre — besonders seit 1881 — merkbar abkühlte, blieb dennoch eine bis zu seinem frühen Ende be41) Kisch „Kuchelbader Schlacht“ 319 f; Neuwirth Stiftungsfest 75 f: In den Berichten der Polizei an die Statthalterei und in den Tagesblättern wurde einhellig bestätigt, daß „sich die deutschen Studenten (in Kuchelbad) äußerst taktvoll benommen ... und selbst auf dem Rückzug dem Steinhagel ausgesetzt, noch immer die gleiche Ruhe und Gelassenheit bewahrt hätten. ... Auch die tschechische Studentenschaft fühlte sich gedrängt, durch eine Deputation dem Statthalterei-Vizepräsidenten, Ritter von Grüner, eine Erklärung zu unterbreiten, daß sie die Ausschreitung einzelner tschechischer Studenten ... entschieden mißbillige und bemüht sein werde, die Eintracht zwischen den Prager Hochschulen wieder herzustellen“. 42) Robert Hohlbaum, geb. 28. August 1886 in Jägerndorf (Krnov, Schlesien), gest. 4. Februar 1955 in Graz, Bibliothekar an der Universitätsbibliothek in Wien und deutschböhmischer Dichter: Der ewige Lenzkampf (Leipzig 1913) erschien auch unter den Titeln Die Prager (Berlin 1936) und Die Prager Studenten (Berlin 1942). Vgl. dazu Jaroslav Werstadt Némectí studenti v Praze ve svétle románu a vzpominek Karla Hanse Strobla (Die deutschen Studenten im Licht der Romane und Erinnerungen von Karl Hans Strobl) in Acta Universitatis Carolinae Pragensis (Praha 1968) 64—84 (85 f deutsches Resumé). 43) Erschien in Der Prager deutsche Student im Gedicht, hg. von Paul Kisch und Arthur Werner (Prag 1929), 29 ff. Hans Hopfen hat als Angehöriger des Münchner Korps Frankonia am Stiftungsfest der Austria und dem „Ausflug“ nach Kuchelbad teilgenommen.