Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

282 Walter Hummelberger offenen Bruch zwischen der tschechischen Majorität und den Prager Deut­schen gekommen, der sich rasch auf ganz Böhmen ausdehnte und trotz aller immer wieder unternommenen Versuche irreparabel geblieben ist. Deshalb erscheint hier ein kurzer Exkurs über die allgemeine Situation in Prag unmittelbar vor diesem Ereignis, über dessen Ablauf und unmit­telbare Folgen im Zusammenhang mit dem Aufenthalt des Kronprinzen und dem Scheitern der damit erhofften ausgleichenden Wirkung notwen­dig. Die antideutsche Stimmung hatte sich durch den Wahlkampf für die Prager Handelskammer, der infolge einer ungerechten Wahlordnung für die tschechische Majorität von vornherein aussichtslos war, immer mehr gesteigert. Das gesamte tschechische Kleinbürgertum wurde dadurch emp­findlich in seiner ökonomischen Repräsentation und zugleich in seinem heftigen nationalen Engagement getroffen. Das erste — vielleicht bewußt unterschätzte — Warnsignal war der Versuch am 18. Juni 1881, die „Bude“ (Vereinslokal) der Prager Burschenschaft Carolina im Stadtteil (damals: Königliche) Weinberge (Královské Vinohrady) zu stürmen; die von einem Trainoffizier(l) aufgestachelte Menge scheiterte jedoch durch rechtzeiti­gen Polizeieinsatz 35). Als aber am 27. Juni die Handelskammerwahl die erwartete Niederlage der tschechischen Majoritätsliste erbrachte und gleichzeitig das Prager Corps Austria3G) sein vierzigsemestriges Stiftungs­fest demonstrativ glanzvoll feierte, war der „kritische Punkt“ erreicht. In dreißig offenen Fiakern fuhren die „schwarzen Austern“, so nach ihren schwarzen Mützen genannt, samt ihren Gästen aus der Monarchie und dem Deutschen Reich, mit den Korporationsfahnen und den Chargierten (Funktionären) in Vollwichs am Abend (19 Uhr) von ihrer „Bude“ durch die Innenstadt zum Festsaal, wo sie beim Aussteigen mit einem Pfeif­konzert und „Hanba“(Schande)-Rufen empfangen wurden37). Am nächsten Tag, dem 28. Juni (Dienstag), war ein Ausflug der Festteil­nehmer auf einem Dampfer auf der Moldau nach Kuchelbad (Chuchle) gangenen Corps, die bis 1914 national praktisch indifferent waren, was von den Gegnern als „Corpsinternationalismus“ bezeichnet wurde. Gerade das in Kuchel­bad (Chuchle) verprügelte Corps Austria hatte erst im Wintersemester 1880/ 1881 eine Aufnahmesperre für Nichtdeutsche in seine Satzungen aufgenommen und diese mit der genannten Universitätsteilung (vgl. Anm. 30) begründet (Neuwirth Stiftungsfest 57 f). Die Kaiserhymne als Farbenlied beweist ein­deutig, daß es sich hier um keine nationale Korporation gehandelt hat. 3. Weil es eben der erste Vorfall dieser Art und zugleich eines solchen Ausmaßes war, von dem der Kronprinz ebenso wie alle Behörden vollkommen überrascht wurde, ist sein oft genannter Bericht an den Kaiser keinesfalls als eine Art „Mutprobe“ zu bezeichnen, sondern gehörte zu seinen Pflichten. 35) Kisch „Kuchelbader Schlacht“ 316. Prager Burschenschaft Carolina: gegründet am 12. Mai 1860, Farben grün-weiß-rot, Kappen hellgrün. 3a) Das Prager Corps Austria wurde am 12. Februar 1861 als Verbindung ge­gründet und war vom 10. Dezember 1872 bis 1884 Corps. Wegen der Ereignisse von Kuchelbad erfolgte die Umstellung zur Prager Burschenschaft Austria von 1884 bis 1918. Farben schwarz-weiß-gold, Kappen schwarz. 37) Kisch „Kuchelbader Schlacht“ 317; Neuwirth Stiftungsfest 62 f.

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