Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 279 Sonderbarerweise wurde diese letzte gemeinsame Feier vom sonst so einfühlsamen Autor (Mitis) gar nicht bewertet, dagegen ein apokrypher „Konfidentenbericht“, der in Wirklichkeit eine entstellte Presseschau an das sogenannte Informationsbüro24) war, zitiert. Dabei stellt sich die Frage, weshalb der hier gebrachte erste Berichtsteil weggelassen wurde, der, ironisierend zwar, die starke Beteiligung des tschechischen Bürgertums als des Hauptträgers des Nationalismus beweist25): „Anfangs voriger Woche war in Prag großes Spektakel. Die Zünfte und bewaffneten Bürger-Corps ergriffen die günstige Gelegenheit der Ankunft des Kronprinzen in Prag, um sich wieder einmal en parade zeigen zu können.“ Vermutlich hat Mitis selbst an dem Wahrheitsgehalt dieses frühen Beispiels von Desinformation gezweifelt, diese aber dann auch in die Biographie 26) übernommen, wobei er freilich in beiden Fällen bemerkte: „Der erste Empfang des Thronfolgers in Prag wäre allerdings — wenn ein nach Wien gelangter Konfidentenbericht vom 10. August 1878 der Wahrheit entspricht — nicht allzu herzlich gewesen: ,... Wiener und offiziöse Blätter schwärmen von einem angeblichen Enthusiasmus, davon kann aber absolut keine Rede sein. Der Kronprinz geht zur Rekrutenabrichtung nach Prag — was soll es da auch Besonderes geben? Die tschechischen Blätter aller Schattierungen verhielten sich auch merklich kühl. Riegers Politik erinnerte den Kronprinzen recht zart daran, daß es am Hradschin auch „historische Fenster“ gäbe, Skrejowskys Epoche ärgert sich offen über die Freudenbezeugungen und (die) Národní listy, das liberale Jungtschechenblatt, schwiegen ganz, und das nennt man dann den tschechischen Enthusiasmus für das angestammte Herrscherhaus! Mit dem Feudaladel kam der Kronprinz auch wenig zusammen' “. Tatsächlich stimmt an dieser Meldung fast nichts: 1) Die Politik war eine halboffiziöse deutschsprachige Tageszeitung, die 1862 zu dem Zweck gegründet wurde, ,das Ausland über die kulturellen und wirtschaftlichen Bestrebungen der Tschechen zu informieren'27); sie hatte nichts mit Ladislav Rieger 28) zu tun, dessen Organ die erwähnten, 1861 gegründeten Národní Listy (Nationalen Blätter) waren, von denen es hieß, „diese schwiegen ganz“. Das trifft zu, da Rieger von 1863 bis 1879 in konsequenter Opposition zu Wien stand. 24) Das Informationsbüro war seit 1877 eine staatspolizeiliche Stelle des Ministeriums des Äußeren und hatte vor allem die Stimmung und die Presse des Auslandes zu beobachten. Vgl. Gesamtinventar des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs 1 (Wien 1936) 461—465, hier 461. 25) HHStA Informationsbüro Grundzahl 1243/1878, ZI. 2522/1878. Freundliche Mitteilung von Herrn Dr. Horst Brettner-Messler. Vgl. Mitis Leben 408, wo eben diese Zahl zitiert wird. 26) Ebenda und unten S. 293. 27) Im Jahr 1907 erfolgte die Titeländerung in Union, die bis 1919 erschienen ist. Vgl. Masaryküv slovnik naucny 5 (Praha 1931) 846. 28) Franz Ladislav (später Freiherr von) Rieger, geb. 10. Dezember 1818 in Semil (Semily, Ostböhmen), gest. 3. März 1903 in Prag, erster tschechischer Politiker von europäischer Bedeutung. Verlor 1890 sein Reichsratsmandat durch einen deutsch-tschechischen Ausgleichsversuch. Vgl. Masaryküv slovnik naucny 6 (Praha 1932) 157 ff.