Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
280 Walter Hummelberger 2) Zur „zarten Erinnerung“ steht in der Politik vom 2. August 1878 auf der Titelseite: „Kronprinz Rudolf in Prag. Der Zukünftige Erbe der Krone Böhmens weilt in den Mauern unserer Stadt. Es ist heuer zum zweiten Male, daß der Prinz, an dessen Namen sich so viele uns Böhmen teuere Erinnerungen knüpfen [damit war Kaiser Rudolf II. gemeint], den Boden Prags betritt. Als er zum ersten Male zu uns kam, war diese, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, seine politische Erstlingsreise [1871] ... Der hohe Prinz, welcher in Prag weilt, ist einer der wenigen zum böhmischen Throne berufenen Habsburger, welche geläufig die alte heimatliche Sprache dieses Landes sprechen. ... Kronprinz Rudolf ist nicht nur in der böhmischen Sprache und Literatur erzogen, er ist auch in der Geschichte dieses Landes wohl bewandert, für ihn müssen die Fenster und Gräber dieser Stadt eine deutlichere Sprache sprechen, als den übrigen Mitgliedern des erlauchten Hauses. Es gibt ihm einen Vorzug in unseren Augen, es gibt auch uns ein Anrecht an ihn in die Hand ..., daß er ... lieben lerne unser Volk.“ 3) Zu der Behauptung, daß sich die gleichfalls deutschsprachige Tageszeitung Epoche, als deren Herausgeber Skrejowsky (richtig: Jan Stanislav Skrejsovsky) bezeichnet wird29), obgleich im Impressum Eduard Boh- danecky angegeben ist, „offen über die Freudenbezeugungen ärgert“, kann nur bemerkt werden, daß zwar keine so ausführliche Berichterstattung wie in der Politik oder der deutschen Zeitung Bohemia erfolgte, aber nirgends eine auch nur angedeutete Mißfallensäußerung zu finden ist. Diese Art der Berichterstattung über ein Ereignis von lediglich lokaler Bedeutung bezeugt die Verhärtung des innenpolitischen Klimas; eine Überprüfung der widersprüchlichen Behauptungen in den deutsch geschriebenen Blättern Politik und Epoche wäre jederzeit möglich gewesen, hätte man sie nicht ohnedies glauben wollen. In der sich immer mehr anbahnenden Veränderung der Einstellung des Kronprinzen zu dem ständig fordernder werdenden tschechischen Nationalismus ist die Zäsur des Jahres 1881 besonders offenkundig. Von den gewiß berechtigten Bestrebungen nach einer tschechischen Universität30) scheint Rudolf nicht überzeugt gewesen zu sein, und er begann jetzt vor einem slawischen Übergewicht in der Monarchie zu warnen, — wobei betont werden muß, daß die beiderseitigen Aversionen und die daraus resultierenden Querelen zwischen dem Kronprinzen und der böhmischen Hocharistokratie sowie dem hohen Klerus ohne jede realpolitische Be29) Geb. 6. Jänner 1831 in Libisany bei Königgrätz, gest. 14. Oktober 1883 in Wien, tschechischer Politiker und Publizist. Die Zeitung ist nur von 1878 bis 1880 erschienen. Vgl. Masaryküv slovnik naucny 6 670. so) Im Jahr 1882 wurde die alte Universitas Carolo-Ferdinandea in eine deutsche und eine tschechische Hochschule geteilt, nachdem schon 1879 die deutschen Professoren und Dozenten für die Errichtung einer tschechischen Universität plädiert hatten, um durch eine klare Trennung den „deutschen Charakter der eigenen Universität aufrecht zu erhalten“. Vgl. Oskar Schürer Prag. Kultur, Kunst, Geschichte (München—Brünn 41935) 347.