Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)
HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'
278 Walter Hummelberger einem Handschreiben vom 23. Juli, daß der Kronprinz, um „sich mit dem Truppendienst vertraut zu machen“, beim Infanterieregiment Freiherr von Ziemiecki Nr. 36 „zur Dienstleistung einzurücken“ habe und „bis auf Weiteres auch im Stande dieses Regiments geführt werde“ 18). Dieses damals in Prag garnisonierte Regiment hatte seinen Ergänzungsbezirk in Jungbunzlau (Mladá Boleslav). Die vordergründig mit militärischer Schulung motivierte Übersiedlung des Kronprinzen in die Landeshauptstadt Böhmens, wo ihm ein geradezu demonstrativ herzlicher Empfang bereitet wurde, mußte dagegen hinsichtlich des vor allem bezweckten politischen Effektes in der damaligen Situation ergebnislos bleiben; denn bei aller Zerstrittenheit waren sich die tschechischen Parteien im Kampf gegen die Regierung und die deutsche Vorherrschaft völlig einig. Seit dem Ende der Revolution des Jahres 1848 war der Nationalismus mit aller Kraft virulent geworden, und es zeichnete sich immer deutlicher ab, daß das „Modell des Bohemismus“ zur Überwindung nationaler Gegensätze nunmehr zu einem utopischen Wunschdenken geworden war. Tatsächlich konnte „als letzte gemeinsame Kundgebung von Deutschen und Tschechen auf kulturellem Gebiet nur mehr die Feier zu Schillers hundertstem Geburtstag am 10. November 1859 angesehen werden, welche mit einem gewaltigen Fackelzug über die Moldaubrücken abschloß“ 19). Fast zwanzig Jahre später standen bei den Empfangsfeierlichkeiten für den Kronprinzen noch einmal die Angehörigen der beiden in Prag und Böhmen lebenden Völker — zwar mit ihren extremnationalen Exponenten, aber noch nebeneinander — im Spalier am Moldauquai20). Bei den Tschechen waren es die Sokolvereine21) von Prag, den Vororten und der nächsten Umgebung; bei den Deutschen repräsentierten die Burschenschaft Teutonia 22) und die Turner. Der Hofzug traf um 16.30 Uhr in Prag ein; der Kronprinz trug die Oberstuniform des Infanterieregiments 36, „bei welchem derselbe in Prag zur Dienstleistung zugetheilt ist“ 23). Obgleich nicht vom Wetter begünstigt, harrte das Publikum, das die Straßen bis zum Hradschin säumte, geduldig aus. 18) Kriegsarchiv Wien (= KA) Kanzleiregistratur zu ZI. 272/1925; dazu KA Archivalische Erhebung Nr. 6649 (ergänzende Daten aus dem Aktenmaterial der Militärkanzlei und der Generaladjutantur des Kaisers). 19) Hermann Münch Böhmische Tragödie. Das Schicksal Mitteleuropas im Lichte der tschechischen Frage (Braunschweig—Berlin—Hamburg 1949) 268. 20) Politik 1878 August 2. 21) „Sokol“ (Falke), tschechischer Turnverein, gegründet am 21. Jänner 1862 von Miroslav Tirs (ursprünglich Tirsch, geb. 17. September 1832 in Tetschen, gest. 8. August 1884 in Oetz, Tirol). Bereits 1869 wurde ein Frauenturnverein im Sokol gegründet. 1882 fand der erste Sokoltag „Siet“ (Zusammenflug, nach dem Falkensymbol genannt) statt, an dem 1600 Sokoln aus allen Ländern der Böhmischen Krone, aus Wien, Laibach, Agram, Lemberg und Amerika teil- nahmen. Vgl. Masaryküv slovnik naucny 7 (Praha 1933) 431 f. 22) Prager Burschenschaft Teutonia, gegründet am 16. Dezember 1876; Farben: schwarz-rot-gold, Kappen schwarz. M) Politik 1878 August 2.