Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 38. (1985)

HUMMELBERGER, Walter: Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878–1883. Ein unveröffentlichtes Manuskript Oskar Freiherr von Mitis'

Kronprinz Rudolfs Prager Jahre 1878—1883 277 entsprechend, nur mehr der tschechischen Sprache, damit der Kronprinz bei dieser Gelegenheit seine Tschechischkenntnisse bereichere. Gindely bemerkte, daß der Kronprinz, der in der Jugend zwar tschechisch gelernt aber später ver­nachlässigt hatte, gute Fortschritte machte, sodaß ab Mitte November Vortrag und Gespräch nur mehr tschechisch erfolgten. Der Kronprinz arbeitete auch bereitwillig schriftliche tschechische Aufgaben über den Inhalt der gehaltenen Vorträge aus, sodaß der Kaiser bei der Abschlußprüfung Gindely nicht nur einen — vom Prinzen sogleich nach der Prüfung persönlich überreichten — Orden verlieh, sondern auch dessen Rat für eine weitere Vervollkommnung der Tschechischkenntnisse forderte. Gindely schlug einen dreijährigen Unter­richt in Rechtsgeschichte und tschechischer Belletristik vor und empfahl dazu seinen Freund, Hermenegild Jirecek, der dann tatsächlich damit beauftragt wurde. Die Verbindungen Gindelys mit dem Kronprinzen endeten jedoch nicht zur Gänze. Während der Anwesenheit des Prinzen in Prag, im Frühjahr 1880, wurde Gindely mit einem herzlichen Schreiben zu einem Besuch eingeladen 14), und noch im Jahr 1886 dankte Rudolf ihm für seine Wallenstein-Arbeit mit einem sehr schmeichelhaften Brief*15 *). Um Jirecek, Ritter von Samokov (13. April 1827 — 29. Dezember 1909), mit dem ausgefallenen Vornamen Hermenegild (nach dem westgotischen Königssohn, der vom Arianismus zum Katholizismus konvertierte und bei einem Aufstandsversuch gegen seinen Vater 595 enthauptet, später aber heiliggesprochen wurde) ist es hingegen still geblieben. Von 1834—1894 war er Beamter im Ministerium für Kultus und Unterricht in Wien; seit 1855 befaßte er sich mit dem böhmischen Recht; die Resultate seiner For­schungen wurden noch 1934 im tschechischen Otto-Lexikon 18) als grund­legend gewertet. In der Zeitschrift Osvéta (Kultur) veröffentlichte er im Jahr 1906 seine Erinnerungen an den Tschechischunterricht des Kronprinzen Erzherzog Rudolf, der am 30. Dezember 1875 begann und am 27. Juni 1877 endete 17). Wie so viele, die mit dem Kronprinzen in näheren Kontakt kamen, war auch Jirecek von dessen Intelligenz und der Vielfalt seiner Interessen, die im Verlauf der tschechisch geführten Gespräche zu erkennen waren, stark beeindruckt. Bevorzugte Themen waren allerdings die Jagd und die damit zusammenhängenden Gebiete der Zoologie, besonders der Ornithologie. Zum Abschluß wird die Dank­audienz vom 6. Mai 1881 in der Hofburg erwähnt, die der Kronprinz aus Anlaß seiner bevorstehenden Vermählung allen seinen Lehrern gab. Gleichsam am Vorabend der Okkupation Bosniens und der Herzegowina, die am 3. August 1878 ihren Anfang nahm, bestimmte der Kaiser mit 14) Kr oft a Gindely 143 Anm. 411: Eigenhändiger Brief des Kronprinzen, 1880 April 26. is) Ebenda 143 Anm. 412; 1886 Juni 10. i«) Ottűv slovník naucny, nővé doby. Dodatky k velikému Ottovu slovniku naucnému [Otto-Lexikon der Neuzeit. Ergänzungen zum großen Otto-Lexikon] 3/1 (Praha 1934) 217 f. 17) Hermenegild Jirecek Geské uceni korunniho prince arciknizete Ru- dolfa [Der Tschechischunterricht des Kronprinzen und Erzherzogs Rudolf] 1875—1877. Rozpominky H. J. [Erinnerungen von H. J.] in Osvéta 36 (Praha 1906) 313—323, 385—394; Mitis Leben 404.

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