Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)
DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535
Das Tunisuntemehmen Karls V. 1535 39 Ende Februar 1535 die - eher rhetorischen als tatsächlichen - Befürchtungen Franz’ I., die Rüstungen könnten sich gegen ihn richten, mit der Versicherung zerstreut, das Ziel des Unternehmens sei einzig und allein Hayreddin Barbarossa „pour la seurté et desfence de nos royaulmes, service et repos de la chrestienté“6). Diese Formulierung, die dann oft wiederholt, nur gelegentlich leicht verändert7), auch von dem kaiserlichen Sekretär Perrenin in seinem großen Bericht übernommen wurde, also wohl eine Art Sprachregelung darstellte, umreißt schlaglichtartig die Spannung, in der der Tuniszug stand: „Seurté et desfence de nos royaulmes“ — das betraf die nationalspanischen Interessen; „service et repos de la chrestienté“ - damit war die Funktion Karls V. als universaler Kaiser, als Schutzvogt der Kirche angesprochen, und damit sollte unüberhörbar die Assoziation „Kreuzzug“ geweckt werden. Für den Historiker freilich, für den Ideologiekritik mehr als ein Schlagwort ist und für den vielleicht auch onomasiologische und semasiologische Ansätze mehr als eine bloße Mode sind, stellt sich damit zugleich die Frage, ob dieser zweite Aspekt nicht vielleicht doch „nur“ bloße Propaganda war, bloße ideologische Überhöhung und Verbrämung einer viel vordergründigeren spanischen Machtpolitik? Ohne bereits hier eine Gewichtung vornehmen zu wollen, kann nach den Forschungen etwa von Rassow und Brandi kein Zweifel daran bestehen, daß in der ideologischen Tiefe von Karls Kaisertum seine Schutzpflicht für die christianitas, der Kampf gegen die äußeren Feinde der Christenheit, ihren festen, ihren zentralen Platz hatten. Sein politischer Lehrmeister Gattinara hatte ihm seit der deutschen Königswahl von 1519 in unzähligen Vorlagen und Gesprächen fast einhämmernd verdeutlicht, welchen Stellenwert für die Herrschaftspraxis des Römischen Kaisers das Moment der Verteidigung der Christenheit hatte, wie vorrangig die Pflicht des Kaisers sei, die Christenheit gegen die Ungläubigen zu sammeln und zu formieren8). Wenn sich die Stadtväter von 6) Papiers d’état du Cardinal de Granveile, publiés sous la direction de M. Ch[arles] Weiss, 2 (Paris 1841) n. 61, 293. 7) Vgl. z. B. den Brief an den Marqués de Canete von 1535 Mai 9: Fray Prudencio de Sandoval Historia de la vida y hechos del emperador Carlos V (Ausgabe Madrid 1955) 490, wo die entsprechende Formulierung lautet „y proveer mejor lo que conviniese a la defensión y seguridad de nuestros reinos, y de la Cristiandad . . .“.In dem Schreiben des Kaisers an Hannart, 1535 Juni 13 (Lanz Correspondenz 2 n. 405, hier 188) kehrte der Sekretär Perrenin die beiden Elemente um: Hoffnung auf Gott „quii conduira ceste emprinse pour son sainct service, bien et tranquillite de la chrestiente, sehurte et repos de nos royaulmes, pays et subjects maritins“. In dem Schreiben Karls an Franz I. von 1535 Mai 10 wird variiert: Das Unternehmen diene „pour la desfension et preservation de ladite chrestienté et d’iceulx et aultres noz roiaulmes, pais et subjetz contre lesdits infideles et commungs ennemys“ (Weiss Papiers d’état 2 n. 70, 354). In dem bisher ungedruckten Brief an die Schwester Maria von 1535 Mai 29 lautet die entscheidende Formulierung „en son sainct service et commung bien de la chrestienté, benefice, deffension et asseurance de mes royaulmes, pays et subiectz maritimes“: Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien (im folgenden: HHStA) Belgien PA neu 26/3 fol. 127r. 8) Vgl. Karl Brandi Kaiser Karl V. Werden und Schicksal einer Persönlichkeit und eines Weltreiches 1 (München 1937) 92, 96f, 195 und passim.