Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)
DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535
40 Heinz Duchhardt Messina am Ende des Aufenthalts Karls in dieser sizilianischen Kommune vor der Rückreise nach Rom das Spektakel einfallen ließen, einen großen künstlichen Adler auf die Stadt herabkommen zu lassen, der mit pyrotechnischem Material gefüllt war, das ein langanhaltendes Blitzen und Donnern erzeugte, woraufhin sich dann eine auf dem Schloß aufgezogene türkische Fahne zur Seite neigte und abbrach und stattdessen in der Stadt auf einmal ein hohes Kreuz stand, das vorher das staunende Publikum noch niemals gesehen hatte3), dann entsprach die so hervorgerufene Assoziation „siegreicher Türkenzug = Kreuzzug“ zunächst einmal der verbreiteten communis opinio, wie sie die umfangreiche Publizistik widerspiegelt, und wird sicher auch Karls Beifall gefunden haben. Und auch das breite, nicht unmittelbar mit Karls V. Türkenzug befaßte Publikum in ganz Europa fühlte sich darin, daß zum ersten Mal seit Jahrhunderten ein Römischer Kaiser offensiv und persönlich gegen die Ungläubigen vorgegangen war, durchaus an alte Kreuzzugsmotive erinnert. So wurde beispielsweise in der Gegend von Lille im Hochsommer 1535 die Legende kolportiert und sicher auch geglaubt, daß die auf Anordnung des Kaisers im Wüstensand nach Süßwasser grabenden Soldaten einen vergoldeten und versilberten Kruzifixus gefunden hätten, den der Kaiser persönlich gehoben habe, worauf an dieser Stelle eine Süßwasserquelle entstanden sei9 10). Diese Geschichte, die in der Korrespondenz aus Tunis, in den Zeitungen und Beschreibungen sonst nicht belegt ist, erinnert so frappant an mittelalterliche Kreuzzugslegenden, daß hier punktuell klar wird, welche Denkkategorien und mentalen Ebenen der Tuniszug bei der breiten Masse der Bevölkerung in Bewegung setzte und ansprach. Man wird den Aspekt „Kreuzzug“ aber natürlich vor allem deswegen nicht kategorisch als irrelevant abtun können, weil der Gedanke eines Kreuzzuges an entscheidenden Wendepunkten in Karls bisheriger politischer Karriere immer wieder aufgetaucht war - zumindest, sieht man einmal ganz von der programmatischen Titulatur seit 1521 („dominateur en Asie et en Afrique“) ab, seitdem der Habsburger 1529 seine bisher von dem Leitmotiv Burgund geprägte europäische Politik zugunsten einer dezidierten Mittelmeer-Politik aufgegeben hatte“). In den Friedensschlüssen von Madrid und Cambrai etwa war Franz I. jeweils zur Teilnahme an einem abendländischen Kreuzzug gegen die Osmanen verpflichtet worden - in diese Zeit zurück datieren übrigens auch die ersten Kontaktversuche mit dem persischen Schah, der also durchaus in einen 9) Beschrieben in der von dem kaiserlichen Sekretär Adam Karl stammenden Flugschrift Newe zeyttung, wie die Römisch Kayserlich Mayestat. . . von Thunis auß Affrica inn die fürnemisten zwue Stett Messana und Neapolis ankommen . . . (1536) (Bayerische Staatsbibliothek München Eur 4/2 [30]). 10) Vgl. den Brief bei Gachet Expedition 23f. ") Diese Zäsur betont z. B. Herman Vanderlinden La Politique méditerranéenne de Charles-Quint in Académie Royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belqique, Classe des Lettres et des Sciences Morales et Politiques Bulletin 14 (1928) 11-23, hier 16.