Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)
DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535
Das Tunisuntemehmen Karls V. 1535 37 Aber mit diesem eher kursorischen Blick auf den faktengeschichtlichen Ablauf des einzigen vom Kaiser persönlich geleiteten erfolgreichen Türkenzuges ist natürlich noch keine der anstehenden Fragen beantwortet. Knapp zwei Monate tunesischer Sand und tunesische Hochsommerhitze - war das lediglich eine pittoreske Episode in Karls politischer Laufbahn, war das ein orientalischer Farbtupfen, dem dann ja kein befriedigender zweiter mehr folgen sollte, war das nur eine durch die besondere Gunst der Stunde, eine augenblickliche politische Bewegungsfreiheit des Kaisers provozierte Expedition, mit der dem letzten Bestandteil in der Titulatur Karls V. - „Herr in Afrika“ - Tribut gezollt und Rechnung getragen werden sollte? Oder war das primär ein nostalgisches Wiederanknüpfen des Römischen Kaisers an eine der Sternstunden des alten Rom, - denn daß sich einer auf der Suche nach der Antike befindlichen Zeit wie dem frühen 16. Jahrhundert der Bezug zum alten Karthago und den Punischen Kriegen geradezu auf drängte, liegt natürlich auf der Hand: Die Humanisten haben diese Gelegenheit dann auch konsequent dazu benutzt, etwa auf der Rückreise Karls durch das Königreich beider Sizilien auf unzähligen Triumphbögen, durch Allegorien und Inschriften den Sieg des Kaisers mit dem Erfolg Roms über das antike Karthago in Parallele zu setzen2*). Die Fragen so zu stellen, heißt natürlich, sie zu verneinen; aber welchen Rang, welchen Stellenwert hatte dann „Tunis 1535“ in Karls Gesamtpolitik? Aufschlußreich ist zunächst einmal, wie sehr er sich gegen Ende seiner Regierungszeit, als er seine Commentaires schrieb und Rückschau hielt, darum bemühte, gerade den Tuniszug von 1535 richtig dargestellt und interpretiert zu sehen: Mehr als zehn Jahre nach dem Tunisunternehmen, im Sommer 1546, wurde mit dem Maler Jan Vermeyen, der persönlich an der Expedition von 1535 teilgenommen hatte, ein Kontrakt abgeschlossen, in Anlehnung an seine damaligen Skizzen zwölf großformatige Kartons herzustellen, die den Zug gegen Hayred- din Barbarossa und Tunis festhalten und ihrerseits die Vorlage für einen Zyklus von qualitativ höchsten Ansprüchen genügenden Gobelins bilden sollten. Diese in der Werkstatt des Tapisseriefabrikanten Pannemaeker in Brüssel entstandene und von einer eigenen Kommission ständig überprüfte künstlerische Darstellung war spätestens 1554 abgeschlossen3), aber es erhebt sich 2*) Zwei Kostproben mögen hier genügen: In Messina konnten der Kaiser und sein Gefolge auf einem Triumphbogen lesen, daß nicht nur Europa dem Kaiser gehorsam sei, sondern jetzt auch Afrika unterworfen sei und Asien ans Zittern komme, denn: „Roma tribus quondam bellis, et pluribus annis / Quos domuit, solo mense domat Carolus“. In Neapel war auf einer Säule ein Bild des Scipio Africanus angebracht, der mit der Unterschrift „Decentius Africa nomen“ zu erkennen gab, daß er nun gerne dem Kaiser den Beinamen gönne. Beides erwähnt in der anonymen - übrigens mit dem Wappen und der Devise Karls V. versehenen - Flugschrift Triumphierlich einreiten Röm. Keyserlicher Maiestat zu Messina den 21. Octobris und zu Neapolis den 25. Novembris. Anno 1535 (Bayerische Staatsbibliothek München Hist 369/4710). 3) Vgl. dazu den Aufsatz von Aloys Primisser Ueber die zehn von Hans Vermeyen gemahlten Kartone, darstellend: Carls V. Feldzug gegen Tunis in Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst 12 (1821) 17-20, 30-34, sowie Eduard Ritter von Engerth Über die im Kunsthistorischen Museum neu zur Aufstellung gelangenden