Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535

DAS TUNISUNTERNEHMEN KARLS V. 1535 Von Heinz Duchhardt In seiner vorzüglichen Strukturanalyse Deutschland im Zeitalter der Reforma­tion hat Bernd Moeller vor kurzem dem Jahr 1535 - neben 1521 — für die Reichsgeschichte in der Epoche Karls V. die Funktion einer Zäsur zugespro­chen, einem Jahr, in dem alte Entwicklungen auslaufen, neue sich durchzuset­zen beginnen. Moeller entschied sich für diese zunächst einmal überraschende Schnittlegung vor allem im Blick auf das Münstersche Täuferreich, das im Sommer 1535 sein Ende fand, aber auch der Konsolidierung des Protestantis­mus als theologischer und politischer Bewegung wegen, die etwa Mitte der 30er Jahre zu einem gewissen Abschluß kam. „Für den Türkenkrieg“ - so hat Moeller dann jedoch ausdrücklich konstatiert - „hatte das Jahr 1535 keine hervorgehobene Bedeutung“1). Kann diese Bemerkung vor dem Hintergrund des Tunisuntemehmens jenes Jahres so akzeptiert werden, kommt dem Jahr 1535 nicht vielmehr auch in Karls V. Gesamtpolitik eine besondere Bedeutung zu, kann die von Moeller gewählte Schnittlegung nicht gerade wegen Karls V. Türkenkrieg noch weiter gestützt und erhärtet werden? Die nackten historischen Fakten, der Ablauf des militärischen Unternehmens Karls V. gegen Tunis, sind relativ oft dargestellt worden und auch quellenmä­ßig gut belegt: Am 30. Mai 1535 Aufbruch einer großen, wohl über 500 Trans­port- und Kriegsschiffe zählenden Flotte mit spanischen und portugiesischen Truppen aus Barcelona2), zu denen in Cagliari noch italienische und deutsche ') Bernd Moeller Deutschland im Zeitalter der Reformation (= Deutsche Geschich­te, hg. v. Joachim Leuschner, 4, Göttingen 1977) 140. - Ich danke auch an dieser Stelle den Teilnehmern meines Mainzer Seminars im Wintersemester 1982/83 für ihre Diskus­sionsbereitschaft und für manche Anregung. 2) Die Zahlenangaben sind höchst problematisch und schwanken in der Literatur dementsprechend auch gewaltig, weil man in der Tat darüber streiten kann, ob nun jede kleine Barke des umfangreichen Trosses als Teil des Expeditionsheeres gezählt werden soll. - Ich klammere den militärischen Aspekt - aber auch so amüsante Begleiterschei­nungen wie die von den spanischen Behörden nicht zu verhindernde Mitreise von 4000 Frauen (!) - im wesentlichen aus, weil die Nacherzählung und oft phantasievolle Ausschmückung der kriegerischen Ereignisse von einem rein antiquarischen und z. T. auch nationalistischen Interesse her den eigentlichen Gegenstand der älteren Literatur bildete, z. B. von Heinrich Wilhelm Bensen Kaiser Karl’s V. Kriegsfahrt nach Tunis in Programm der Königlichen Lateinschule zu Rothenburg/T. zum Schlüsse des Schuljah­res 1855/56 (Rothenburg/Tauber o. J.) 1-33. Es ginge über Absicht und Ziel dieser Studie hinaus, hier im einzelnen die notwendigen Korrekturen anzubringen. Eine akzeptable

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