Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 37. (1984)

DUCHHARDT, Heinz: Das Tunisunternehmen Karls V. 1535

36 Heinz Duchhardt Freiwillige und Söldner und maltesische Ritter (sowie später in Afrika eine kleine albanische Einheit) hinzustoßen; der Landung bei den Ruinen von Karthago (17. Juni) folgt eine für dieses bunt zusammengewürfelte kaiserliche Heer nicht nur von strahlenden Erfolgen umrankte Belagerung der Festung La Goletta vor Tunis, die von dem neuen Herrn von Tunis, Hayreddin Barbarossa, erheblich ausgebaut worden war; nach deren Fall und einer Niederlage Bar­barossas in einer offenen Feldschlacht kann sich das kaiserliche Heer auch der Stadt Tunis bemächtigen, fast kampflos übrigens, weil ein Aufstand der in der Stadt festgehaltenen christlichen Gefangenen ihm entscheidend vorgearbeitet hatte; der Kaiser muß in die Plünderung von Tunis einwilligen; anstelle des geflohenen Hayreddin Barbarossa wird der im Vorjahr entthronte Hafside Mulay Hasan wiedereingesetzt; Abschluß eines Vertrages mit ihm, der die Souveränität von Tunis empfindlich einschränkt und ein die Rangordnung und die politischen Gewichte deutlich widerspiegelndes Tributärverhältnis errich­tet (6. August); Rückkehr des Kaisers - unter Zurücklassung einer Garnison u. a. in La Goletta - in sein Königreich beider Sizilien, das ihn zum ersten Mal sieht, um dort, wie es in lapidarer Kürze in den Quellen heißt, „bailler ordre“, und, begleitet von einer immer stärker anschwellenden Publizistik, Weiterreise nach Rom, wo Verhandlungen über das Generalkonzil und das inzwischen akut gewordene politische Schicksal des Herzogtums Mailand und eine scharfe Rede gegen Franz I. dieses Türkenunternehmen gewissermaßen abschließen und für die zukünftige Politik des Kaisers die neuen Akzente setzen, zugleich aber auch signalisieren, wie sehr für Karl die Wendung gegen äußere Feinde der Chri­stenheit und die Bereinigung der Probleme in der christianitas ineinander- greifen. Darstellung bei Druéne Charles-Quint ä Tunis en 1535 in Revue historique de 1‘armée 11 (1955) 23-40. Umfangreiches Material zum militärischen Ablauf des Unternehmens im Aktenanhang von Damiano Muoni Tunis. Spedizione di Carlo V Imperatore 30 Maggio - 17 Agosto 1535. Cenni, Documenti, Regesti (Milano 1876). - Schon Fernand Braudel hat in seinem glänzenden und wegweisenden, unten Anm. 69 genannten Aufsatz von 1928 im übrigen bedauert, daß sowohl über das während der Afrikafeldzüge verwendete Waffenmaterial wie über die nordafrikanische Kartographie der Zeit kaum Forschungen vorliegen: 189f. Daran hat sich, wenn ich richtig sehe, bis heute nichts geändert. - Ein bereits fixiertes strategisches oder taktisches Konzept hat bei der Landung in Afrika mit hoher Sicherheit noch nicht existiert; dazu waren die Informatio­nen wohl auch viel zu spärlich, nachdem ein Versuch, durch den mit einem Spionageauf­trag versehenen genuesischen Kaufmann Presendes nähere Nachrichten über die Situa­tion in Tunis zu erhalten, Ende 1534 gescheitert war. Von der Stärke La Golettas z. B. ist man ziemlich überrascht worden; vgl. Karl V. an Hannart, 1535 Juli 14: Correspondenz des Kaisers Karl V. 2, hg. v. Karl Lanz (Leipzig 1845) n. 407, hier 193, P. S. Die Anfang Juni in Italien bei dort lebenden Mauren gesammelten Nachrichten über die Topographie von Tunis und Umgebung, die auch in einen Plan umgesetzt wurden (Jovius an den Herzog von Mailand, 1535 Juni 6: Muoni Tunis 61-66), erreichten das kaiserliche Heer wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig. Man ist wohl recht pragmatisch vorgegangen, hat etwa auch vor Ort erst entschieden, zunächst gegen La Goletta und dann erst gegen Tunis vorzugehen, - auch von daher wird eigentlich deutlich, daß das Unternehmen politisch und militärisch ein ziemlicher Sprung ins Ungewisse war.

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