Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Rezensionen 517 sehen Radikaldemokraten, als „Modernist und Progressiven“ (S. 65), nicht ausschließlich durch die Perspektive von ,1938/45' bestimmt bzw. einge­engt sind. Der unverstellte Blick auf die tatsächliche historische Gestalt des bis zur Jahrhundertwende zeitweilig politisch sehr erfolgreichen Schö­nerer bzw. der Verzicht darauf, ihn nur als — gescheiterten — Hitler- Vorläufer zu betrachten, ist methodologisch außerordentlich wichtig: Er ist geradezu die Voraussetzung für den Versuch, die — m. E. zentrale — Frage nach den Ursachen der großen politischen Resonanz zu beant­worten, welche die variantenreiche deutschnationale Politik vor 1914 hat erzielen können. Der Vf. bietet hierzu bedenkenswerte Beobachtungen und Reflexionen sowohl geistes- wie vor allem auch sozialgeschichtlicher Art. Leider hinderten aber chronologisches Darstellungsprinzip und biographi­sche Ausrichtung dieser Studie den Vf. daran, eine systematische sozial­historische Analyse der Schönererbewegung zu erstellen. Auch Informa­tion über ihre Programmatik und organisatorische Struktur, über ihre — charakteristische — regionale Aktivität besonders im nördlichen Böh­men, in Teilbereichen der Alpenländer, in größeren Städten wie Prag, Linz und Graz wird dem Leser leider nur im ereignisgeschichtlichen Zusammenhang, also auf viele Stellen des Buches verteilt, geboten. Daß W. die interpretativen Möglichkeiten einer systematisch-sozialhistorischen Vertiefung der biographischen Darstellungsweise nicht nutzte, mag auch mit der auffallend lückenhaften Berücksichtigung der neueren Literatur Zusammenhängen. Beispielsweise finden die wichtigen Untersuchungen von Clemens Weber, Ernst Ableitinger, Reinhold Knoll, die ersten Bände der Habsburgermonarchie ebensowenig Beachtung wie jene zahlreichen Stellungnahmen zur alldeutschen Politik in Österreich und Mitteleuropa, die während der Sechzigerjahre im geschichtswissenschaftlichen Schrift­tum Ungarns, der CSSR, UdSSR und DDR, ferner auch im Rahmen der bundesdeutschen Kaiserreichsdiskussion zustande gekommen sind. Dage­gen hat W. das einschlägige Archivmaterial, insoweit es zugänglich ist, fast vollständig zur Kenntnis genommen. Eine diesbezügliche Übersicht wird dem Leser allerdings durch allzu pauschale Benennung der betreffenden Archivalien im Quellenverzeichnis (z. B.: [AVA] „Ministerium des Inneren, Präsidialakten.“!) erschwert. Das Hauptverdienst des Vf’s dieser — als Schönererbiographie sicherlich wertvollen — Studie dürfte in dem Versuch liegen, die Bedeutung der Wirtschafts-, Kultur- und Liberalismuskrise des späten 19. Jahrhunderts für den Wandel Schönerers vom radikalliberalen Deutschnationalen zum extremen, „völkischen“ Nationalisten herauszuarbeiten. Die Charakterisie­rung Schönerers, gerade auch des späten Schönerer, als r e v o- lutionärer Politiker — „... in einem gewissen Sinn ... der extrem­ste des letzten halben Jahrhunderts vor Hitler und Stalin“ (S. 13) — bedarf wohl ebenso wie das Problem der wiederholten krassen Zu-

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