Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Rezensionen 511 ob traditionelle Institutionen einer „Modernisierung“ fähig sind, zum Existenzproblem der Habsburgermonarchie geworden, deren Armee den ersten Konflikt des alten Staatskörpers mit den nationalen Strömungen und sozialen Entwicklungen im Zeitalter der bürgerlichen Revolution überwand. Unser Wissen um diese Zusammenhänge ist insbesondere durch die Ar­beit von Harm-Hinrich Brandt über die nationalökonomischen Hinter­gründe des Neoabsolutismus (1978) und, was die Fragestellungen Skeds betrifft, durch Antonio Schmidt-Brentanos Studie über Militär, Staat und Gesellschaft in Österreich 1848—1867 (1975) in entscheidenden Bereichen vermehrt worden. Die Veröffentlichung der Ministerratsprotokolle dieser Zeit läßt gleichfalls die Wichtigkeit der hier zur Diskussion stehenden Vorgänge erkennen. Zu erwähnen ist noch, daß das sich thematisch zum Teil deckende Buch von William A. Jenks (Francis Joseph and the Ita­lians 1849—1859 [Charlottesville 1978]) von Sked nicht mehr benutzt werden konnte. Der britische Historiker leitet seine Studie, die auf Materialien des Kriegsarchivs und des Haus-, Hof- und Staatsarchivs beruht, mit einer anschaulichen Darstellung des Lebens in der österreichischen Armee ein, wobei sein Interesse im besonderen der Situation des gemeinen Sol­daten und seiner Anfälligkeit für nationale und revolutionäre Propagan­da gilt. Im zweiten Hauptabschnitt des Werkes untersucht S. das Ver­hältnis Radetzkys zur Zivilverwaltung in Lombardo-Venetien. Die Dar­stellung des Wechselspiels zwischen der — in manchen Abschnitten des Revolutionsjahres kaum mehr existierenden — Zentralregierung und dem siegreichen Feldherrn vermittelt einen guten Überblick über das kompli­zierte, durch das Interesse Großbritanniens in die internationale Politik hineingezogene Geschehen. Das letzte Kapitel ist — auf den ersten Blick befremdlich — „Radetzky as communist“ überschrieben und versucht eine neue Interpretation der Maßnahmen Radetzkys gegen den nationalen Adel, den er als den Hauptschuldigen an der revolutionären Erhebung betrach­tete. Die Vermögenskonfiskationen stießen in der liberalen Öffentlichkeit auf schroffe Ablehnung. Der englische Botschafter in Turin, Abercromby, schrieb an Palmerston: „You will be shocked with the open way in which Radetzky endeavours to rouse the passions of the lowest orders against the rich and preaches the purest doctrines of Communism and Socialism“ (S. 193). Man erinnerte sich in diesem Zusammenhang an die galizischen Ereignisse von 1846, — wieder wurde der Vorwurf gegen Öster­reich erhoben, die unteren Volksklassen gegen die Wortführer der liberal­nationalen Bewegung aufzuwiegeln. Radetzkys Maßnahmen verfehlten ih­ren Zweck, wie S. resümiert: „Radetzky’s plan had thoroughly back­fired. His financial measures had led to misery, unemployment and higher prices; his class policies of .divide and rule' had brought about universal hatred and resistance. After five years, rich and poor alike detested Austria“ (S. 205). Nicht eingegangen ist S. auf den Kampf

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