Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 36. (1983)

SCHÖDL, Günter: Zur Forschungsdiskussion über alldeutsch-deutschnationale Politik in der Habsburgermonarchie und im Deutschen Reich

Rezensionen 509 wobei Kessler aus der Erkenntnis, daß die drei slawonischen Komitate und die Militärgrenze ethnisch-konfessionell gemischt waren, dem territo­rialen Bezug den Vorzug gibt. Es ist ihm auch zuzustimmen, wenn er diese Mischstruktur als für die „einfache Bevölkerung“ weder sozial noch politisch bedeutungsvoll einstuft. Die entscheidende Rolle bei der bewußtseinsmäßigen Ausprägung der nationalen Differenzierung spielte daher nicht die Sprache, sondern die katholische und die serbisch-orthodo­xe Kirche, die von Leopold I. besondere Privilegien hatte. Nach der Anpassung der Illyrier — besser als „Illyristen“ — unter Ljudevit Gaj an die Stokavstina und der Wiener Absprache über die serbo-kroatische Literatursprache 1850 führte auch die österreichische Statistik keine sprachliche Differenzierung zwischen Kroaten und Serben durch; aller­dings findet sich eine solche in der ungarischen Statistik nach dem Ausgleich. Mit Recht geht K. dem Problem nach, was in der Epoche der „kroati­schen Wiedergeburt“ („hrvatski preporod“) eigentlich ,wiedergeboren“ wurde. Sie war einerseits ein literarisches Phänomen, bald auch ein po­litisches, wesentlich aber war der soziale Ausgliederungsprozeß der viel­fach jungen Intelligenz, der sich in vielen Bereichen des öffentlichen Le­bens niederschlug. Die Darstellung über die Sprachenfrage in Kroatien- Slawonien, von der Bedeutung der lateinischen Sprache für die Vertei­digung der „Jura municipalia“ über den gesellschaftlichen Stellenwert des Deutschen in der Stadtbevölkerung, dem von den Illyriern erreich­ten Anschluß der kroatisch-kajkavischen Sprache an den wesentlich grö­ßeren stokavischen Sprachbereich bis zu den scharf geführten Auseinan­dersetzungen um die Einführung des Ungarischen im öffentlichen Leben Kroatien-Slawoniens gehört zu den besten Abschnitten des Buches, wenn man auch die Berücksichtigung der Rolle Wiens, vor allem des Grafen Kolowrat, etwas vermißt. Sehr nützlich ist die breite Darlegung der sozialen, ökonomischen und rechtlichen Grundlagen für den Prozeß der nationalen Integration. K. bietet gute statistische Angaben zur Entwicklung der Einwohnerzahlen zwischen 1785 und 1847, zeigt die Verteilung auf die je drei kroati­schen und slawonischen Komitate, die sieben königlichen Freistädte, die 52 Märkte und die 2.231 Dörfer, übernimmt von Igor Karaman die be­ruflich-soziale Differenzierung der männlichen erwachsenen Bevölkerung in der Zeit Josefs II., vergleicht die Konfessionsstruktur von 1785/87 mit der von 1840 und analysiert den sehr unterschiedlichen Adelsanteil im Agramer und Kreutzer Komitat einerseits (mit dem Bauernadel 11—12%), in den slawonischen Komitaten mit unter 0,5% der erwachsenen männlichen Bevölkerung andererseits. Diese Differenzierung ist gerade für das Erfassen des gesellschaftlichen Umfanges an politischer Vertre­tung wichtig, für die Repräsentation im kroatischen Sabor wie in der Magnatentafel und der Ständetafel des ungarischen Reichstages. In diesem Zusammenhang legt K. auch die ungarisch-kroatischen Auseinanderset­

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